Lieber David Köckert,

(ich mag Ihren Vornamen wirklich, auch wenn wir beide wissen, dass Leute mit diesem Namen zwischen 1933 und 1945 nichts zu lachen hatten).

Ich möchte mich herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie uns, die Einwohner Jenas, auf die Bedeutung des „9. November“ als historisches Datum, als „Schicksalstag“ der deutschen Geschichte, aufmerksam machen.

Ich verstehe das auch nicht, dass so viele Ihre Demo einfach verbieten lassen wollen. Die wollen tatsächlich von sich aus unsere Demokratie beschneiden, nur weil Sie und Thügida ein bisschen provozieren.

Wir beide sind uns einig darüber, dass seit 1990 viel zu wenig darüber geredet wurde, was Freiheit und Demokratie bedeuten. Ihre Demoankündigung für diesen Tag in Jena hat jetzt aber endlich dazu geführt, dass unterschiedlichste Vereine, Initiativen und Einzelpersonen ein Programm anbieten, das es in dieser Form so noch nicht gab und ohne Ihre „kleinen Provokationen“ so sicherlich auch nicht gegeben hätte. Das finde ich klasse. Danke, dass Sie die Menschen daran erinnern, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Schöne Freiheit!

Für Ihre nächsten geplanten Demotermine im kommenden Jahr sollten wir uns im Vorfeld besser und früher absprechen. Gerade die Verwaltung und kulturelle Vereine haben viel längere Planungszeiten als Sie und ich.

Wie wäre der 17. Juni 2017? Das wäre doch ein Datum, an das Sie anknüpfen könnten? Wir Geisteswissenschaftler und Kulturschaffenden hätten dann schon die Veranstaltungen konzipiert für die große Mehrheit der Bevölkerung in dieser Stadt, die interessiert daran ist, sich mit den von Ihnen ausgewählten Daten und Themen zu beschäftigen.

Oder wir gestalten gemeinsam einen Themenabend: „Warum enden korrekte Sätze immer nur mit einem Satzzeichen?“

„Durch Einigkeit zu Recht und Freiheit: Für eine echte politische Wende!!!“

Wow, das ist fast Poesie!!!

Wir beide sind Leute, die viele Ausrufezeichen brauchen. Zwei, drei … egal, auch wenn bereits das Rechtschreibprogramm uns darauf aufmerksam macht, dass es falsch ist.

Wollen wir auch im neuen Jahr wieder „Guter Bulle-böser Bulle“ spielen? Sie provozieren und wir Geistes- und Sozialwissenschaftler bieten die Formate historisch-politischer Bildung an, die vorher kaum nachgefragt waren? Gute Idee?

Klar, manchmal nervt das alles. Aber wenn es zu blöd wird, ziehen wir beide zu Lutz Bachmann nach Teneriffa und amüsieren uns über diese Deutschen und ihre komische(n) Geschichte(n).

Also: ich bin dafür, dass Sie am 9.11. in Jena demonstrieren, da auch Randgruppen wie Ihnen und ihren Kumpels das Recht gegeben werden muss, sich zu artikulieren. Ich mag es auch nicht, wenn Putin in Russland Homosexuellen dieses Recht verweigert. Als vom Aussterben bedrohte Randgruppe sollen auch Sie das Recht haben, 2-3 mal im Jahr friedlich in Jena demonstrieren zu dürfen.

Was halten Sie von meiner Idee, den Bewohnern des Damenviertels im nächsten Jahr den „Preis für Zivilcourage“ zu verleihen? Ich meine, die armen Anwohner müssen am meisten darunter leiden, dass wir unsere demokratischen Errungenschaften voll ausleben können.

Ich habe Ihnen zwar dieses tolle Programmheft mitgeschickt, damit Sie sehen, welche positiven Dinge durch Thügida überhaupt erst möglich werden. Leider muss ich aber darauf hinweisen, dass Personen und Organisationen, die der rechtsextremen Szene angehören, von den Veranstaltungen ausgeschlossen sind.

Trotzdem bin ich gespannt auf unsere, Ihre und meine, kommenden Projekte zur Revitalisierung der von uns beiden so geliebten Demokratie.

Viele Grüße und bis Mittwoch in Jena.

Ihre Bertha Kessel

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