Dieser Geschichtslehrer (Bernd???) aus Hessen, der meint, „die Geschichte, die deutsche Geschichte [würde] mies und lächerlich gemacht“, hat recht. Auch ich bin der Ansicht, wir brauchen eine „180 % Wende der Erinnerungspolitik“ in unserer Stadt.

Alle vier Menschen, die auf den Fotos dieser kleinen Hologramm-Pyramide, diesem „Denkmal aus Licht“, zu sehen sind, lebten zu unterschiedlichen Zeiten in dieser „Lichtstadt“ Jena. Die vier Lebensgeschichten und –wege sind nicht mehr zu ändern oder zurückzunehmen. Ich habe mir diese Personen herausgesucht aus einer Vielzahl von Fotos, Akten und Archivalien. Sie sind nun ungewollt meine Beispiele dafür, wie Menschen in unserer Stadt in verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen miteinander umgingen.

Es ist wichtig, das zu wissen. Wenn man die Pläne und Hintergründe kennt, dann kann man mit diesen Informationen besser in den zukünftigen Debatten bestehen. Wenn das digitale „Gedenk- und Totenbuch“ der Stadt und seine Täter- und Opfergruppen angesehen werden, dann weiß der Leser, wie ein Staat mit als „homosexuell“, „asozial“ oder „jüdisch“ etikettierten Menschen umging, alle eigentlich ein Teil dieses „deutschen Volkes“ (die dutzenden Namen der Menschen aus Jena und dem Umland mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung, die in großen Gruppen nach Pirna-Sonnenstein gefahren und dort lautlos im Keller vergast wurden, ist im „Gedächtniskonzept“ dieser Stadt bisher nicht sichtbar geworden).

Andere Geschichten zeigen mir, was im Frühjahr 1945 für einen jungen Mann die Entscheidung bedeutete, nicht mehr an diesem Krieg teilzunehmen. Da ich jetzt den Namen „Willy Nützer“ kenne und weiß, wie am 2. April 1945 sein Leben in einer Sandgrube im Grüntal bei Stadtroda endete, kann ich meine Großeltern, die nicht mehr am Leben sind, um darüber Auskunft geben zu können, besser verstehen.

Schütze in 2./Schützen-Ersatz-Kompanie 205 (Standort Frankfurt a. M.). Am 26.05.1942 als UK entlassen. Am 02.04.1945 wegen Nichtanmeldung zum Volkssturm durch das Standortgericht Jena zum Tode verurteilt und am selben Tag hingerichtet.

Unser gedachtes „Denk-Mal“ ist nicht aus Stein. Hier und heute wird nicht dem Sieger gehuldigt oder an einen Besiegten erinnert.

Jena bewirbt sich gerade als „Digitale.Stadt by bitkom“ und möchte das Thema „Stadt und Gesellschaft“ digital erfassen.

Ich habe im Internet eine „digitale Quelle“ gefunden. Die kann dort von jedem weltweit gehört werden. Eine Lesung von Jürgen Fuchs für den RIAS: „Die Fassade“. Darin spricht er über Jena und das Verhältnis der Menschen in der DDR mit ihrer Vergangenheit.

Fuchs hat, wie ich, in dieser Stadt und an dieser Universität das Fach „Sozialpsychologie“ studiert. Er lebte in einer Zeit, in der es lebensgefährlich war, offen seine Meinung zu sagen. Die Menschen der Vergangenheit haben wichtige Quellen hinterlassen. Mit Licht, Glas und ein paar digitalen Daten ist es unsere Aufgabe, auch das „historische Gedächtnis“ unserer Stadt adäquat ins digitale Zeitalter zu überführen. Im Internet wird intensiv über politische und gesellschaftliche Themen debattiert.

Doch zunächst kam Jürgen Fuchs selbst zu Wort. Seine weiche, bedächtige Stimme, der die vogtländische Herkunft des Schriftstellers anzuhören war, erklang vom Band. In präzise formulierten Wortketten entwarf Fuchs eine (Stadt-)Landschaft, den Versuch einer Heimat, die kein Idyll ist, ein Ort voller Erinnerungen an Krieg und Zerstörung. All das, was mit der Gründung der DDR nicht beendet war, sondern fortwirkte und durch neue Gewalt – die Besetzung der ČSSR 1968 etwa –weitergetragen wurde. Schweigen aus Angst, aus Anpassung. Alltag und doch keine Ruhe. ´Die Fassade´ hieß der Text, den Fuchs nach seiner Ausbürgerung im RIAS-Funkhaus in West-Berlin eingelesen hatte. Auf dem Audiobuch ´Das Ende einer Feigheit´ ist er nachzuhören.

Um nicht nur vor „Fake-News“ zu warnen und dem Medium „Internet“ und seinen Foren Ernsthaftigkeit abzusprechen, sondern der interessierten Öffentlichkeit den Stoff zur Verfügung zu stellen, der erklärt, warum unser politisches System so geworden ist, wie es aktuell ist, muss auch „das historische Gedächtnis“ ein „digitales“ werden.

Wieso ein „Denkmal aus Licht“? Von ihm wird nichts übrig bleiben, wenn irgendwann der Stecker gezogen wird. Wie fast alles, was eine „digitale Gesellschaft“ in der Cloud, der virtuellen Datenwolke, hinterlässt. In 100 Jahren wird die Generation unserer Urenkel keine SMS, Emails oder Beiträge in Internetforen finden, die wir dachten, zu hinterlassen. Alte Disketten kann bereits ich nicht mehr auslesen. Unsere Geschichte wird es nie gegeben haben.

Was wir tun können: jetzt mit „digitaler Infrastruktur“ dafür sorgen, dass Menschen und ihre Geschichte für alle sichtbar werden. Das ist das mindeste in einer „digitalen Stadt“, denn ein paar LEDs sind nichts gegen die Geschichten, die dahinter liegen. Diese vier Einwohner Jenas sind nicht mehr hier, nicht real, auch wenn ich möchte, dass sie gesehen werden.

Von Licht bleibt nichts übrig, wenn es dunkel wird.

Aber ihre Geschichte ist hier. Alle vier wurden Opfer der herrschenden Ideologie ihrer Zeit, die ihnen „im Namen des Volkes“ die Würde nehmen wollte. Die Quellen, Zeugnisse, Bilder dieser Leben zeigen, dass in der Vergangenheit nichts zu finden ist, das eine Antwort auf die Fragen von morgen liefert.

An ihren Geschichten können wir aber vieles erklären, was heute nicht ist, weil wir als Gesellschaft gelernt und uns weiterentwickelt haben. Wir haben im Gegensatz zu diesen Menschen unserer Stadt eine Form der Meinungsfreiheit, die erst dort ihre Grenze findet, wo die Würde eines anderen verletzt wird. Deshalb mag ich diese anstrengende und ungerechte Demokratie, in der ich bis jetzt zwar nicht reich geworden bin. Aber ich darf, wenn ich gerade keinen Lohnarbeitsplatz habe, mir die Denkmäler ausdenken, die wir m.E. in Zukunft in dieser Stadt brauchen. Ohne, dass ich bisher deswegen verhaftet wurde. Wir wissen beim Anblick der Bilder, dass in Zukunft, auch im Namen irgendeines Volkes, so etwas nie wieder möglich werden darf.

Ich lebe seit 16 Jahren in dieser Stadt und bezeichne mich als politisch und gesellschaftlich interessierten Menschen. Ich kannte bis in der Nacht vor 2 Tagen nicht diesen Text, der präzise den Umgang der Stadtgesellschaft mit ihrer Geschichte beschreibt. Auch all die anderen Erinnerungen so prominenter Zeitgenossen wie Wolf Biermann liegen in digitaler Form schon lange vor. 2010 wurde in Berlin anlässlich des 60. Geburtstages an Jürgen Fuchs erinnert. An eine Geschichte, die sich in Jena abgespielt hat. Und deren Spuren nach und nach verblassen, wenn sie nicht auch in einem „digitalen Konzept“ mitgedacht werden.

Scheint man sich in der Vergangenheit dieser individuellen Schicksale geschämt zu haben, so sage ich voraus, dass eine Stadt, die sich ihrer historischen Wurzeln und auch „Irrläufer“ besinnt, ganz selbstbewusst in den kommenden Umbrüchen behaupten kann.

Jürgen Fuchs (Lesung von Jürgen Fuchs für den RIAS „Die Fassade“).

https://www.mauerfall-berlin.de/start/j%C3%BCrgen-fuchs/

Wolf Biermann über Jena und Jürgen Fuchs.


Roland Jahn über Jena und seinen Freund Matthias.

Eine interessannte Doku, was 1981 dem jungen Matthias Domaschk aus Jena passierte und wieso sein Fall auch 2017 die Gemüter erhitzen wird. Wurde Matthias ermordet oder nahm er sich das Leben? Und ist diese Frage überhaupt die wichtigste an seiner Geschichte?

Clara Rosenthal wurde in den 1920er Jahren von Zeitgenossen die „schönste Frau Jenas“ genannt. Ihr Mann Eduard arbeitete maßgeblich mit die Thüringer Verfassung aus, ein Grundstein unseres heutigen demokratischen Handelns. Als er 1926 starb, kondolierte die Elite der Stadt seiner Frau Clara, die mit ihrem Mann in einem Testament verfügte, dass die gemeinsame Villa nach beider Tod der Stadt zur Verfügung steht.

Bereits ab 1930 war die NSDAP im später von ihnen genannten „Mustergau“ Thüringen an der Landesregierung beteiligt. Von ihrem Haus aus muss Clara das Gebäude in der Kahlaischen Straße gesehen haben, in dem Karl Astel seine Sippschaftstafel ausarbeitete.

Nach einem Schlaganfall wurde sie in der hiesigen Psychiatrie behandelt. Auch das Menschenbild der dort tätigen Ärzte ist gut bekannt. 1939 schließlich sollte die Villa nach Anweisung des Jenaer Oberbürgermeisters umgehend „judenfrei“ gemacht werden.

„Trotz der Tatsache, daß ihr auch Grete Unrein, eine Tochter Ernst Abbes, in dieser schweren Zeit beistand, nahm sich Clara Rosenthal aus Verzweiflung über den gegen sie gerichteten Terror am 11. November 1941 das Leben.“ (Schulz, Eberhart, Verfolgung und Vernichtung. Rassenwahn und Antisemitismus in Jena 1933-1945, S. 76.)

Der gängige Topos der Geschichtsschreibung ist der einer mit einem Stern gekennzeichneten Opfergruppe, die zur „Schlachtbank“ geführt wird, wie der über Generationen hinweg gebräuchliche Begriff „Holocaust“, das Feueropfer, euphemistisch beschrieb.

Clara Rosenthal wie auch die zweite Frau, die auf einem dieser Bilder aus Licht zu sehen ist, Dr. med. Klara Griefahn (1897-1945 mit ihrer Tochter Dörte StAJ), starben nicht durch die Hand mir persönlich ferner Nationalsozialisten.

Sie nahmen sich selbst das Leben mit Schlaftabletten, wie hunderttausende andere auch. Weil eine Gesellschaft Menschen wie ihnen das Recht auf Mitwirkung und Leben versagte. Weil eine Gesellschaft herrschte, in der sie denunziert, verleumdet und ausgegrenzt wurden. Weil sich eine gut funktionierende Medizin- und Pharmabranche etabliert hatte, die ihnen das Gift zur Verfügung stellte, um angeblich diesen „total kranken Volkskörper“ gesünder zu machen.

Auch Klara Griefahn (1897-1945) wurde nicht von irgendwelchen fernen Nationalsozialisten umgebracht. Sie nahm sich in der Gesellschaft ihrer Zeit selbst das Leben. An ihrem Beispiel lässt sich gut zeigen, wie eine Stadtgesellschaft aus Lügnern, Heuchlern und Denunzianten entstand.

Nach Klara Griefahn wurden in Jena eine Straße und eine Station im Universitätsklinikum benannt. Sie bot als Vorläuferin der modernen Gynäkologie bereits in den 1930er Jahren eine heute selbstverständliche Untersuchung für werdende Mütter an und war bei den Einwohnern Lobedas sehr beliebt. Klara galt jedoch im NS-Rassenwahn als ein „Mischling 2. Grades“. Bereits im Juli 1933 gab sie daher ihre Praxis in der Goethestraße 6 auf und half in der Praxis ihres Ehemannes in Lobeda. Im Jahre 1943 hatte eine Bekannte der Familie Klara als Jüdin denunziert, was das berufliche Aus und zu dieser Zeit die Deportation zur Vernichtung bedeutete.

Es sind Quellen einer Vernehmung durch die Gestapo vom 2. August 1943 überliefert. Klara Griefahn habe bereits da angedeutet, dass sie bei einer Deportation „lieber zuvor aus dem Leben scheiden würde.“ (ThHStAW Thüringisches Ministerium des Innern. Nr. E 1728, Bl. 4 v.)

Klara war ab jetzt verpflichtet, den 2. Vornamen Sara zu führen und den Judenstern zu tragen. Ihren beiden Kindern wurde (auch diese Quellen kann jeder im Archiv anschauen) am 8. Januar 1945 der Abstammungsbescheid als „Mischling ersten Grades“ ausgefertigt. Als sie am 29. Januar 1945 den Bescheid erhielt, sich am 31. Januar zum Transport einzufinden, wählte sie den Freitod. Klara Griefahn konnte nicht ahnen, dass die Menschen dieses Transportes Theresienstadt überleben würden.

Ich lese jetzt den 1978 von Thomas Nipperdey verfassten Aufsatz „1933 und die Kontinuität der deutschen Geschichte“. Um zu wissen, dass diese dümmlichen Versuche eines hessischen Geschichtslehrers, uns über die Frage, wie wir mit unserem historischen Erbe umgehen sollen, zu belehren, jeglicher fachlicher Grundlage entbehren. Wir ringen darum, wie wir in Jena die Vergangenheit vermitteln. Auch 2017. Here we go!

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