Ich höre die Stimme von Jürgen Fuchs auf der CD „Landschaften der Lüge“. Was ihm und anderen widerfuhr, nannte er einmal „Auschwitz der Seelen“. Obwohl ich in einem ostdeutschen Diakonenhaushalt aufwuchs, wurde mir selbst in der DDR kein Haar gekrümmt. Die Jungs in unserer Familie durften nicht zu den Pionieren? Tja, dann musste ich beim Fahnenappell mit meinen Brüdern eben an der Seite stehen. Um wirklich Ärger zu bekommen, gab es die DDR nicht lange genug.

Darf man den Holocaust in Beziehung zur großen Gesamtgeschichte oder anderen Ereignissen setzen, ohne die Einmaligkeit eines „industriellen Massenmordes“ anzuzweifeln? Geschichten erzählen, Zusammenhänge erklären, ohne unzulässig zu vermischen? Das wird sicher am 9. November 2017, der wie fast jedes Jahr kalt und regnerisch sein wird, diskutiert.

Diese Diskussion fand 1986/87 in der Bundesrepublik bereits statt. Ein Historiker, Ernst Nolte, stellte die These auf, dass der Holocaust in Beziehung zu anderen weltgeschichtlichen Ereignissen, insbesondere zum Stalinismus, gesetzt werden müsse. Michael Stürmer, Historiker und Berater Helmut Kohls, nahm diesen Gedanken auf, um eine „konservative Wende“ in der BRD zu unterstützen. Andere konservative Geisteswissenschaftler unterstützten Nolte und Stürmer.

Philosophen und Historiker wie Jürgen Habermas, Hans-Ulrich Wehler und Thomas Nipperdey nahmen diesen „Fehdehandschuh“ auf, kritisierten die „revisionistischen Historikertrends im Dienst eines nationalkonservativen Geschichtsbilds“ und legten Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts das Verständnis der Bundesrepublik fest, die „Schuld“ der NS-Zeit im kollektiven Gedächtnis anzuerkennen und mitzutragen mit Auswirkungen auf das Geschichtsbild des ganzen Landes. Zum damaligen Zeitpunkt war diese Festlegung bitter nötig. So zeigt die in Jena betreute und 2016 veröffentlichte Arbeit „Holocaust Angst“ von Jacob S. Eder deutlich die antisemitischen Tendenzen innerhalb der Regierung Kohl und die Angst, der Ruf der BRD im Ausland würde beschädigt, wenn die Verbrechen der Nazis offengelegt werden.

Wehler beschrieb die Debatte im Nachhinein als „politischen Kampf um das Selbstverständnis“. Wissenschaftlich wäre alles jedoch nicht gewinnbringend gewesen. Im 5. Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ nannte er die DDR eine „Fußnote der Geschichte“ und brachte damit insbesondere Historiker in Ostdeutschland gegen sich auf. Diese betonten ihrerseits, die Westdeutschen wären bei der „friedlichen Revolution“ 1989 nur „Zaungäste“ gewesen.

In der DDR konnte die Diskussion, wie die ´Shoah` einzuordnen sei, in dieser Form Mitte der achtziger Jahre öffentlich nicht geführt werden (vgl. Link zur Begriffserklärung: „Shoah“ lautet der aktuell gebräuchliche Begriff. Ich selbst bin mit dem Begriff „Holocaust“ aufgewachsen, dessen euphemistische Verdrehung vom „Feueropfer“ mir gerade den Wahnsinn dahinter vor Augen führt).

Die Themen und Diskursangebote im Historikerstreit sollten nachgelesen werden, nicht jedoch 2017 verschiedene Zugänge verhindern. Als Gesellschaftswissenschaftler lege ich meine „Sehepunkte“ offen: ich arbeite als Historiker ideologiekritisch, als Politikwissenschaftler bin ich der Ansicht, die ideologischen Debatten taugen im 21. Jahrhundert in einer globalisierten Welt nichts mehr.

Wenn ich mir dieses ganze „Elend“, die Lügen, das Denunzieren und Morden in der Geschichte ansehe, finde ich in diesem ganzen „Mist“ immer wieder auch Spuren von Gnade, Aufrichtig- und Aufsässigkeit. Der Jenaer Chirurg Prof. Guleke, der Schaden abwenden wollte und in Hinblick auf die erzwungenen Sterilisationen vor den enormen gesundheitlichen Risiken für die Betroffenen warnte. Die Industriellentochter Grete Unrein, die zu Clara Rosenthal hielt, als diese von der Stadtverwaltung und anderen als Jüdin schikaniert wurde.

Viele Jahre später gab es Jenaer, die gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung unterschrieben und dafür bestraft wurden. Einer sagte: „Biermann ist Sozialist. So kann man mit ihm doch nicht umgehen.“ Er wurde von der FSU Jena geschmissen, kam in den Knast und flog dann aus der DDR. Sein Name ist Roland Jahn, Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen.

Das Ende einer Feigheit

Im Hörbuch „Landschaften der Lüge“ spricht Jürgen Fuchs über die Beschäftigung mit deutscher Vergangenheit, wie er sie sich nach 1990 gewünscht hätte. In der Aufarbeitung der Geschichte der DDR wäre nach 1989 dieTäter-Opfer Relation“ durcheinander geraten, da fast jeder in der DDR auch „Täter“ gewesen sei, geschwiegen oder mitgemacht hätte. Fuchs interessierte, wie so etwas entsteht, wie so etwas so kommen konnte. Für ihn war die Fragestellung „was ist mit mir selbst“ eine „humane Orientierung“, die jeder, auf sich selbst bezogen, aushalten müsse.

„Wir sind partiell im Irrtum […] das heißt, wir haben nicht die Wahrheit gepachtet.“

1990 hoffte Fuchs auf „eine große historische Aufarbeitung“ in Bezug auf die NS-Zeit und den Stalinismus, um zu verhindern, dass beides irgendwann vermischt wird. Auch er musste sich auseinandersetzen mit einer Väter-Generation, die gegen die Nazis gekämpft hatte und dann einen neuen Staat aufbaute, der für Fuchs stalinistisch war. Viele wären nach 1945 von Opfern zu Tätern geworden und hätten mit der Ausrede des Antifaschismus junge Deutsche zur Unfreiheit verführt. Das zu besprechen, so Fuchs, wäre zum Ende des letzten Jahrhunderts eigentlich die Aufgabe gewesen.

Im Jahr 2017 taucht auf Facebook eine Ikonografie mit verschiedenen Politikern auf, die typisch ist für die Diktaturen des „Zeitalters der Extreme“ oder „Zeitalters der Ideologien“.

Screenshot Facebook März 2017. Frauke Petry (AfD), Marie le Pen, Gerd Wilders, Donald Trump.

Für alle, die eine Beschäftigung mit der Vergangenheit fürchten: wir sind keine Richter und Staatsanwälte, sondern neugierige Schüler, die in Zukunft nicht die Fehler der Vorfahren wiederholen wollen.

„so wird die eigene Erinnerung im Nachhinein angedickt“. Der 9.11.1989 aus Perspektive eines Popliteraten.

Benjamin von Stuckrad-Barre erinnert sich in seinem Buch „Panikherz“ an eine Mauer, die auf dem Land ein Zaun mit einem gepflügten Acker war, dem Todesstreifen. Dort hätten Tretminen und „Selbstschussanlagen“ die innerdeutsche Grenze gesichert. Jahre später erinnert er sich an die respekteinflößenden Dinge, die damals für ihn zur „Weltkriegsnarbe“ gehörten.

Seine Jugend verbrachte er in Göttingen. Diese Gegend wurde „mitleidig hochnäsig ´Zonenrandgebiet` genannt, in der westdeutschen Bundesländerhierarchie bedeute das die billigen Plätze.“ Im evangelischen Pfarrhaus, in dem er aufwuchs, habe es im Frühjahr 1989 geradezu eine „Hilfsbesessenheit“ gegeben mit „Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns.“ Gemeint waren die Bürger in der DDR. Seine Geschwister schilderten die Reisen in die DDR vor allem mit Gerüchen und Farben:

„Dieses Land schien in erster Linie grau und braun zu sein und nach Kohle zu riechen. Ich stellte es mir vor wie Tschernobyl nach der Kernschmelze.“

Wenn Stuckrad-Barre über die Entstehung von Nachrichten 1989 berichtet, klingt das 28 Jahre später 2017 wie aus einer fernen Zeit. Heute erreichen News in Echtzeit das Publikum. 1989 war das anders. „Damals dauert das ja immer noch, es passierte was, dann ging der Redakteur am nächsten Morgen zur Arbeit in die Zeitung und am darauffolgenden Tag konnte man auf Papier lesen, was da vorgestern passiert ist. ´Grenzenloser Jubel eint die Deutschen`.“

 „Die Fernsehbilder des 9.11.1989, Schabowskis Zettelwahnsinn, der eitel souverän reagierende Hans-Joachim Friedrich, usw. sind so oft wiederholt worden, waren Teil von Dokumentationen und Spielfilmen, so wird die eigene Erinnerung im Nachhinein angedickt. Die wirkliche Erinnerung, also das was man damals wirklich mitbekam und vor allem wie, das ist natürlich viel unspektakulärer, man kennt den Fortgang ja noch nicht.“

Stuckrad-Barre erinnert sich an ein „Café für DDR-Bürger“, „die im wesentlichen nur ihr Begrüßungsgeld in Unterhaltungselektronik umsetzen wollten“. Es sind vor allem die Gerüche von Apfelsinenschalen, die er mit dieser Zeit verbindet. Es hieß, in der DDR habe es keine Apfelsinen gegeben. Deshalb habe jeder ein Netz mit in die Schule gebracht. Auffällig war auch der neue Geruch der Trabis.

In der Schule stellten die Lehrer am Tag nach dem Mauerfall den Unterricht um und sprachen über die DDR, über deutsche Geschichte, die jetzt gerade aufregend gewordene Gegenwart und über eine Zukunft, die nun offenen schien. „Es freuten sich insbesondere die Lehrer, die als ´rechts` galten. Die normale linke Mehrheit der Lehrer schaute nach dem Mauerfall etwas verkniffen und warnte. Man war ja als linksliberaler Mensch Fan der DDR.“ Die DDR sei für viele Linke „verglichen mit dem hiesigen Schweinestaat“ auf jeden Fall „das bessere Deutschland“ gewesen.

Mit einem Freund fuhr Stuckrad-Barre mit den Konfirmationsfahrrädern über den einstigen Grenzstreifen und zitiert seinen Lieblingssänger Udo Lindenberg: „Wir hüpften durchs Minenfeld“. Der Todesstreifen war zum Abenteuerspielplatz geworden.

An was erinnert dich der 9. November?

Wenige Menschen in Ostdeutschland wissen, was sie am 3. Oktober 1990 gemacht haben. Der 9. November 1989 dagegen ist im kollektiven Gedächtnis gespeichert. Fast jeder erinnert sich an diesen Tag. Bei meinen Nachbarn wird das Datum jedes Jahr neu im Kalender markiert.

Kalenderhinweis 9. November

Auch meine Mutter kann sich an diesen Tag erinnern. Sie legte in T. an der alten Synagoge eine Blume nieder. Es war dort kein riesiger von der Partei (SED) organisierter Auflauf. Meine Eltern sind am nächsten Tag zur Arbeit gegangen, denn im evangelischen Altenheim lebten Menschen, die Hilfe brauchten. Meine Mutter redet heute von Erinnerungen an Angst und Ungewissheit, aber auch große Dankbarkeit, die sie spürte.

Jeder konstruiert seine eigene Wirklichkeit und Erinnerung. Das, worauf wir uns als Gesellschaft einigen, ist das öffentliche Gedächtnis. Menschen öffnen sich, wenn sie sich erinnern und ihre eigene Existenz in der Geschichte verorten. ´Dankbarkeit` ist ein Gefühl, das m.E. auch dem 9.11.2017 eine gemeinsame Klammer sein könnte. Das „Elend“ anderer Zeiten sehen und benennen, lernen, dass Geschichte noch nie einfach nur leicht war. In manchen Zeitabschnitten kam es zu einer Verkettung von schändlichen Verbrechen, vom Staat toleriert oder sogar angeordnet, alles „im Namen des Volkes“. Die Krise ist für den Historiker der Normalfall. In der deutschen Geschichte, die voller Unheil ist, findet sich immer Widerstand und Mitmenschlichkeit, die ich als Christ „Gnade“ nenne. Fuchs spricht von „magisch-kulturellen Auswirkungen“ in dieser Stadt, die er gern untersucht hätte.

Wenn ich mich mit Geschichte beschäftige, so merke ich, dass alles, was jetzt ist, geworden ist. Die Aushandlungsprozesse, früher oft mit Gewalt geführt, heute eher ein Ringen auf politischer, medialer und kultureller Ebene, sind komplex und immer wieder neu zu führen. Künstler sind in der Lage, das Ganze zu verdichten. Rio Reiser konnte das gut:

 

Die deutsche Geschichte in ihren unterschiedlichen Perioden erfüllt mich mit Scham und Schaudern. Gleichzeitig habe ich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit. So viel Freiheit gab es in der deutschen Geschichte noch nie. Ich habe mich entschieden, das zu behalten. 🙂

Ganz schön viel Stoff von

Bertha Kessel (und ihren DiskuTanten).

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