Wo sind die Ergebnisse des SFB 482 ´Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800`? Das Themenjahr „Jena romantisch“ 2015 als schlechte Märcheninszenierung (von Bertha Kessel)

„Das Licht wird nur der Mittelpunkt, von dem
aus ich mich in mancherlei Richtung zerstreue.“
Novalis an Fr. Schlegel im Dez. 1797.

Die ehemalige ABM-Kraft und spätere Werkleiterin des Eigenbetriebs JenaKultur Dr. Margret Franz plant seit geraumer Zeit das Themenjahr „Romantik – Licht – Unendlichkeit“. Obwohl im Ruhestand, braucht sie für das Vorhaben 250.000 Euro, damit im gesamten Jahr 2015 Jenaer, Jenenser sowie Gäste der Stadt Jena vom Romantischen fasziniert werden. Es geht um „die Vermarktung der Jenaer Frühromantik“, darum, eine „eine eigene Marke [zu] kreieren und damit nachhaltig [zu] wirken.“ Jena will das geplante Themenjahr 2015 auf der ITB Berlin präsentieren und versucht, die Jenaer Frühromantik als Alleinstellungsmerkmal fürs Stadtmarketing nutzbar zu machen. Man wolle jährlich ein Novalis-Fest veranstalten. Schließlich habe die Romantik vor 200 Jahren ihren Ursprung in Jena genommen.

Um die finanzstarke Optik-Wissenschaft und Industrie einzubinden, weitere Fördergelder einzuwerben und das Label „Lichtstadt Jena“ mit Inhalten zu füllen, werden die Themen „Licht“ und „Unendlichkeit“ mit ins Programm eingebunden. Eine große Wissenschaftsshow, veranstaltet vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im September 2015 mit Ranga Yogeshwar (laut einer Agentur beträgt seine Gage für eine Moderation ca. 15.000 Euro), soll das Themenjahr „Romantik“ abrunden.

Darf man Novalis (Friedrich von Hardenberg), von dem zwar auch ein „Traktat vom Licht“ als Fragment überliefert ist,
der jedoch vor allem als Autor der „Hymnen an die Nacht“ bekannt ist, als Botschafter des „Lichts“ missbrauchen? Kann Romantik als Marke etabliert werden, um damit Touristen anzuziehen?

Dieses Vorhaben ist letztes Jahr in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Bilder Caspar David Friedrichs hängen, gründlich schief gegangen. Museen, Tourismusverband und Landesmarketing starteten dort 2014 ebenfalls ein „Jahr der Romantik“. Deswegen kamen allerdings nur wenige Touristen.  Die landesweit angelegte Image- und Werbekampagne für die Romantik im Nordosten kostete viel, interessierte aber kaum jemanden.

In Jena, in dem das Stadtmarketing sich im nächsten Jahr auf die Frühromantik konzentrieren will, wurde die Zeit um 1800 in Zusammenarbeit von geistes-, kultur- und naturwissenschaftlichen Disziplinen jahrelang in einem Sonderforschungsbereich an der FSU untersucht. Ziel der Forschungen war „die Bestimmung der Gesamtkonstellation einer Überlagerung von Aufklärung, Klassik, Idealismus und Romantik.“ Eine faszinierende Überlagerung, die jetzt für PR-Zwecke wieder in griffige Einzelteile zerlegt werden soll (dies ist vor allem im Interesse der „Forschungsstelle Europäische Romantik Jena“ und der Anhänger der Anthroposophie, die in Novalis einen „Christusverkünder“ sehen).

Im Programm tauchen zwar ein paar bekannte Namen als Redner auf. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden offensichtlich nicht wahrgenommen und eingebunden. Die vom SFB 482 an der FSU geleistete präzise Beschreibung von Netzwerken und Diskussionszirkeln, den hier entstandenen Weltbildern, Weltdeutungen sowie Wissenschaften und Künsten taucht in der Programmplanung des Themenjahres nicht auf.

Was haben die Frühromantiker für das Stadtmarketing zu bieten? Die Stimmführerin der Frühromantik, Caroline Böhmer, beschrieb die damalige Kleinstadt Jena nach ihrer Ankunft spöttisch als „grundgelehrtes, aber doch recht lustiges Wirtshaus“. Später charakterisierte sie Jena ernüchternd als „kleine[s], vom Klatsch bestimmte[s] Mordsnest“.

Was sagte der „Dichter der Freiheit“ Friedrich Schiller, dessen Werk jahrzehntelang als „Ersatzrevolution für das liberale Bürgertum“ diente, über Jena? „Vielleicht war Jena, wie es vor 6, 8 Jahren noch war, die letzte lebendige Erscheinung ihrer Art, auf Jahrhunderte.“ (NA 32,63). Das schrieb Schiller 1803 an Wilhelm von Humboldt, der mit ihm gemeinsam in dieser Stadt gelebt hatte. Schiller meinte nicht Weimar, sondern Jena! Das war für ihn der Ort intellektueller Spannung, Verdichtung und philosophischer Höhenflüge. Jena ist die Stadt, in der Schiller in Auseinandersetzung mit Kant das Konzept der „Kulturnation“ entwickelte.

In Wenigenjena heiratete Schiller Lotte. Diese „Liebesgeschichte“ (in deren Mittelpunkt zunächst ein verarmter Dichter und zwei Schwestern aus Rudolstadt stehen) ist m.E. eine der spannendsten Liebesdramen der deutschen Geschichte. Die Trauung von Schiller und Lotte fand am 22. Februar 1790 in der Kirche Zu Wenigenjena statt. Hat schon jemand daran gedacht, Wenigenjena im Stadtmarketing zur Entwicklung touristischer Angebote (dort heiraten, wo Schiller und Lotte heirateten) auszubauen? Es wird ein Flyer für die ITB gebraucht? Warum wird Wenigenjena nicht als „Schillers Hochzeitseldorado“ vermarktet? „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten Liebe goldne Zeit!“

Um 1800, am Ende des „Alten Reiches“, findet vor Ort die Genese des neuen Konzepts der „Nation“ statt. Die „Lebenswelt“, in der diese „Idee“ einer kulturellen Nationsbildung entwickelt wurde, konnte in jahrzehntelanger Forschung genau beschrieben werden. „Ideen“ werden nicht im luftleeren Raum entwickelt. Man darf nicht vergessen, dass Schiller zunächst zum Dichter vieler kleiner „Nationen“ wurde (und innerhalb dieser Kleinstaaten war auch Schiller ein Flüchtling. Was für Anknüpfungspunkte zur aktuellen Diskussion um Flüchtlinge würde sich hier ergeben).

1815 taucht im Zusammenhang mit Jena erstmals der Dreiklang „Schwarz-Rot-Gold“ auf. 1842 ist dieses Lied vom Auszug der Jenaer Urburschenschaft bereits ein Volkslied. In den darauffolgenden Jahrhunderten wurde diese Stadt, in der maßgebliche Impulse für das Konzept der „Nation“ entwickelt wurden, immer wieder zum Brennpunkt „nationaler Entgleisungen“.

Geistes- und Sozialwissenschaftler in Jena sind in der Lage, die Genese und Wirkung des Konzepts „Nation“, die Entstehung von Ideologien, die Pervertierung der Nation als Gemeinschaft von „Volk und Rasse“, die zwei deutschen Nationen nebeneinander, zu beschreiben und daraus Schlüsse zu ziehen bzw. die Erkenntnisse der Politik und Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Nach 25 Jahren wird unisono eine historische Aufarbeitung gefordert. Schiller und die Nation. Ein wirklich vermintes Gelände. Und warum ist es das?

Jena ist und soll nicht als „nationaler Erinnerungsort“ inszeniert werden. Aber hier entstanden Utopien. Jena ist die „Stapelstadt des Wissens“, in der sich wissenschaftlich und kulturell mit den Formen des Erinnerns von Menschen in der Vergangenheit auseinandergesetzt wird. Eine kritische Untersuchung wird zeigen, dass einige Teile dieser Utopien in ihrer praktischen Umsetzung die erst neu entstehenden Ideologien möglich machen.

DeutschlandJenakomp
Im Moment sehen die Menschen vom Stadtmuseum aus den Bismarckbrunnen und dahinter eine „Schwarz-Rot-Goldene“ Fahne. Gerade die Historiker aus Jena haben in vielen Arbeiten gezeigt, dass diese preußische Sichtweise von „Blut und Eisen“ Quatsch ist und der Begriff der „deutschen Nation“ sich, gerade im Umfeld Jenas, viel früher herausbildet.

Eine Gesellschaft darf nicht die Anziehungskraft ignorieren, die der Begriff „Deutschland“ auf viele Menschen ausübt. Eine kleine Ausstellung im Stadtmuseum reicht da nicht. Im Jahr 2015 feiern die Burschenschaften in Jena ihren 200. Geburtstag. Nationalisten und rückwärtsgewandte Gruppen werden versuchen, diesen Jahrestag auszunutzen. Während sich die Wissenschaft auf transnationale Projekte eingeschossen hat, feiern auf europäischer und Landesebene die Nationalisten einen Wahlerfolg nach dem anderen. Viele Menschen suchen ihren Halt in (im 19. Jahrhundert!) entstandenen nationalen Einheiten. Aber was heißt „Nation“? Die Antworten, über die eine Gesellschaft sich immer wieder neu verständigen muss, braucht eine empirische Basis.

Die Ergebnisse der verschiedenen Forschungsprojekte bieten der Stadt einen „Schatz“ an, der an aktuelle Diskurse anknüpft. Gerade am Beispiel Jenas kann über die Risiken und Nebenwirkungen und die Weiterentwicklung des Konzepts der „Nation“ nachgedacht werden. Lieber Finanz-, Kultur- oder „sonst was“ für Ausschüsse: lasst uns 2015 überall auf den Beeten blaue Kornblumen aussehen. Dann erklären wir fragenden Menschen, was es mit dieser „blauen Blume“ auf sich hat.

Die Jenaer Kultur- und Geisteswissenschaften haben aber viel mehr zu bieten, als ein „romantisches Jahr“. Nach Schiller war hier in dieser Stadt zeitweiße das „intellektuelle Zentrum“ der Welt.

„Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden…“, führen Goethe und Schiller 1797 in den Xenien aus. Und nun haben wir einen Bismarckbrunnen, sind 2014 Fußballweltmeister und stehen vor der Herausforderung, ganz verschiedene Kulturen unter dem Dach „Deutschland“ zu integrieren. Liebe Kunst, liebe Wissenschaft, lasst uns da mal genauer hinschauen, was das Konzept der „Nation“ aktuell taugt. Friedrich Schillers Traum war, Wissenschaft, Kunst und Kultur zu vereinen. Stellt die Mittel von Jenakultur dafür zur Verfügung. Das wäre doch ein lohnendes Label. Nicht „nationaler Erinnerungsort“ sein; aber Jena ist die Stadt, in der sich besonders und kritisch damit beschäftigt werden muss.

Eine ältere These geht davon aus, dass Novalis sich bei der Pflege Friedrich Schillers mit Tuberkulose angesteckt habe. Derjenige, der im Stadtmarketing eigentlich an erster Stelle stehen sollte (Schiller), gibt evtl. dem heutzutage bekanntesten Vertreter der Jenaer Frühromantik Novalis den Rest? Eine interessante Erkenntnis.

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