Wer die vergangenen Artikel von mir, Bertha Kessel, kennt, der weiß, dass ich Antifaschist bin. Hingewiesen habe ich auf jahrzehntelange Versäumnisse im Umgang mit der Aufarbeitung der Verbrechen des NS-Regimes. Ich beschäftige mich kritisch mit dem Landeswahlprogramm und den Ansichten der AfD Thüringen.

Und ich werde mich mit Jan Ulrich Weiß unterhalten. Jans Geschichte geht gerade in den Medien rum. Er ist einer der aus der Fraktion der AfD Brandenburg ausgeschlossenen Landtagsmitglieder.

„Politiker Jan Ulrich Weiß hetzt auf Facebook gegen Juden“ titelte die „Bildzeitung“. Andere Medien folgten. Auch die AfD Brandenburg, die sowieso gerade dabei ist, gewählte Mandatsträger kalt zu stellen, ist unter denjenigen, die Weiß als Antisemiten brandmarken. Brandenburgs AfD-Chef Gauland schmiss ihn aus der Fraktion und erklärte dazu: „Das ist eine Karikatur im Stil des ´Stürmers`. Das ist für ein Mitglied der AfD und einen unserer Mandatsträger völlig inakzeptabel! Ich bin entsetzt über das Verhalten von Herrn Weiß.“

Brandenburgs Grüne, die Linksfraktion, auch die SPD forderten umgehend den Mandatsverzicht des AfD-Abgeordneten. Grünen-Fraktionschef Axel Vogel kündigte an, Strafanzeige wegen des Verdachts auf Volksverhetzung zu erstatten. Nach „fremdenfeindlichen Ressentiments kommen nun auch noch unverhohlener Antisemitismus und rechtsextreme Verschwörungstheorien zum Vorschein“, so Vogel.

Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland ist nach den Meldungen besorgt über antisemitische Vorfälle bei der AfD.

Wie nahm diese Geschichte eine solche Dynamik an, dass selbst die AfD eine politische Auseinandersetzung, wie ich selbst sie in der Vergangenheit mit Jan immer führen konnte, verweigert?

Mitte September 2014 in Brandenburg: Der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Landtag, Andreas Büttner, ist sauer. Die FDP war mit dem Slogan „Keine Sau braucht die FDP“ in den Wahlkampf gegangen und flog nun aus dem Brandenburger Landtag raus. Stattdessen musste der Polizist Büttner miterleben, dass jemand anderes aus seiner Heimatstadt Templin über die Liste der AfD in den Potsdamer Landtag nachrückte. Tage später wurde Büttner folgende Karikatur zugespielt, die auf der Facebookseite von Jan gepostet war.

 

Jan1

 

In diesem Bild sehen Andreas Büttner, die AfD, die „Bildzeitung“ und viele andere eine antisemitische Verunglimpfung und sprechen ihr Urteil aus. Die „Bild“ hatte ihre Schlagzeile, die Kleinstadt Templin war entsetzt. Nur wenige kannten die Karikatur, die zu sehen war. Die allerwenigsten kennen die Hintergründe. Jan selbst kam nicht zu Wort.

Auf dem Screenshot, den Büttner von der fremden Facebookseite bekam, sind zwei Fotos von Jacob Rothschild, einem britischen Investmentbanker und Mitglied der bekannten Bankiers-Familie Rothschild, zu sehen. Weiterhin ist ein Bild abgedruckt von Montgomery Burns, dem reichsten und mächtigsten Mann in Springfield in der Zeichentrickserie „Die Simpsons“. Burns dient in der Serie als Klischee des bösen und unsympathischen Kapitalisten.

Bis jetzt sehe ich keine Karikatur im Stil des „Stürmers“, lieber AfD-Chef Gauland. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich noch nie in dieser Zeitschrift „Stürmer“ gelesen habe. Die Figur des Montgomery Burns in der Serie sieht genauso aus, wie auf der Montage. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Zeichner Matt Gröning keine antijüdischen Klischees verbreiten wollte. Sicherlich wurden die realen und Comicbilder nebeneinander gestellt, da auch mir als linksalternative Bloggerin die Ähnlichkeiten auffallen zwischen Jacob Rothschild und Mr. Burns.

Im dazugehörigen Text wird eine Verschwörungstheorie angedeutet, die leider viel zu oft von Antisemiten und Neonazis instrumentalisiert wird. Die Familie Rothschild ist seit dem Beginn ihres großen Einflusses auf die europäische Wirtschafts- und Politikgeschichte das Ziel von Karikaturen, polemischen Schriften, Hetzkampagnen und Verschwörungstheorien.

Oft steckt dahinter verdeckter Antisemitismus, aber nicht immer. Junge Leute treffen sich an Stammtischen, die sich z.B. „Alles Schall und Rauch“ nennen. Wir alle wissen, dass sich die Finanzmittel der Welt in den Händen einer immer kleiner werdenden Elite befinden. Weiterhin ärgern wir uns, dass wichtige Entscheidungen, die auch unser Leben betreffen, oft nicht mehr in gewählten Parlamenten, sondern in intransparenten Machtzirkeln wie den Bilderberger-Konferenzen oder auf EU-Ebene geheim verhandelt werden.

Ich glaube, wir sind uns auch alle einig, dass irgendwer Kapital aus den vielen Kriegen zieht. Eine der vielen Verschwörungstheorien beleuchtet das Handeln der europäischen Bankiersfamilie Rothschild in der Geschichte kritisch. Diese hätten sich mit der amerikanischen Unternehmerdynastie Rockefeller zu einer geheimen Weltregierung zusammen getan. Und jetzt unterscheiden sich die Verschwörungstheorien von den ekligen, hetzerischen Weltverschwörungstheorien, die Nazis früher und heute jüdischen Mitbürgern vorwerfen.

Warum folgen dann die unqualifizierten Kommentare von allen Seiten? Die Rockefellers sind keine jüdische Familie. Man kann das alles natürlich für Spinnerei halten. Verschwörungstheoretikern könnte vorgeworfen werden, einfache Antworten auf komplexe Frage zu suchen. Das ist jedoch auch in der Politik oft Alltagsgeschäft. In diesem Kontext sehe ich keinen Antisemitismus. Und erst recht keine Volksverhetzung.

Aus diesen Diskussionsforen stammt die Karikatur, die den abgewählten FDP-Mann und dann alle anderen so erschreckte. Dieses Bild zeigt den europäischen Teil der angenommenen Weltverschwörung. Auf der anderen Seite steht der amerikanische Teil der Rockefellers.
Natürlich sind wir uns der möglichen Instrumentalisierung eines Teils unserer Hypothesen, die nicht antisemitisch, sondern kapitalismus- und globalisierungskritisch sind, bewusst. Es tut weh, wenn Menschen sich unbeabsichtigt angegriffen fühlen.

Wir lassen es nicht zu, dass die reale Gefahr antisemitischer Tendenzen (auch zunehmender „Islamophobie“) von Parteien wie AfD, Linken und Grünen, der Bildzeitung und allen anderen, die sich vorschnell ein Urteil bilden, ausgenutzt wird. So wird der wirkliche Kampf gegen „braune Weltbilder“, gegen völkisches Denken, gegen Sozialdarwinismus, gegen soziale Ausgrenzung anderer Kulturen und Meinungen, unglaubwürdig.

Und deshalb spreche ich jetzt mit Jan und frage ihn selbst.

Beim nächsten mal bei „Bertha Kessel und die AfD“.

print

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*