Man kann nur mit dem arbeiten, was da ist. Irgendwann, als es mir schlecht ging, habe ich beschlossen, aus dem ganzen Mist das beste herauszuholen, sozusagen aus der Sch… Gold zu machen.

„Auch aus Steinen, die einem im Weg liegen, kann man etwas Schönes bauen“, haben die Fans der positiven Psychologie immer in der psychiatrischen Tagesklinik gelogen. Aber jetzt mal ehrlich? Welche Vorteile hat es für jemanden, als „behindert“ eingestuft zu werden?

Naja, die Jobsuche wird nicht lustig. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Ich hatte irgendwann in einem Gespräch meiner Neurologin gesagt, dass ich am liebsten den ganzen Tag mit einer Begleitperson unterwegs sein würde in ganz Deutschland. Dafür brauche ich aber einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkzeichen G und B. Mit dem muss man einmal im Jahr 80 Euro bezahlen und kann dafür zu zweit überall den Nahverkehr nutzen (falls nur Hartz IV oder Grundsicherung zur Verfügung steht, bekommt man die Wertmarke geschenkt). Jeder „Normalo“, der ein Monatsabo des Verkehrsbetriebs seiner Wahl bezahlt, weiss, wie teuer das eigentlich ist.

Vor 15 Jahren waren wir „MS-Heinis“ alle automatisch nach Diagnosestellung „schwerbehindert“ und ganz, ganz schwer krank. Aber es gab eben auch immer solche Nasen wie mich, die noch ganz gesund aussahen. Und schließlich haben auch im Bereich, in dem geregelt wird, welche Menschen in unserer Gesellschaft welche „Nachteilsausgleiche“ bekommen, die „Controller“ gewütet, um Einsparungen zu erzielen (zu dieser Gruppe von Menschen ein anderes Mal). Das Merkzeichen „aG“, außergewöhnliche Gehbehinderung und damit diesen tollen Pappaufsteller, mit dem auf Behindertenparkplätzen geparkt werden darf, bekommt nur, wem beide Beine fehlen. Nicht nur eins.

MS-Patienten haben manchmal sog. „Schübe“, in denen sie auf Hilfe angewiesen sind. Ob die Beeinträchtigungen bleiben, kann keiner vorhersagen. Manchmal verschwinden die Folgen wieder vollständig, meistens bleiben aber ein paar Reste des Krankheitsschubs als Erinnerung. Ich z.B. hatte nun schon dreimal eine Sehnerventzündung auf dem linken Auge. Die Folge ist, dass ich links einen leichten „Gesichtsfeldausfall“ habe und mir abends das linke Auge weh tut, wenn ich lange am Bildschirm sitze.

Und so häufen sich also die Behinderungen und der Krieg mit der Verwaltung (die ich mittlerweile ja auch ganz gut kenne).

Also: wenn du nun nach zwei Jahren ´Widersprüche schreiben` vor dem Gutachter in Bayreuth stehst, dann hör auf, den Helden zu spielen, der immer alles allein kann. Du hast genug Robert de Niro-Filme gesehen und weißt, wie sich deine Mitpatienten bewegen.

Da stand ich also mit meinem geborgten Oma-Rollator von H., die ihn nicht mehr braucht, weil sie jetzt fest im Rolli sitzt. Und meinem Kumpel, der mich begleitet (meine Freundinnen haben mich immer verlassen, heul heul, das versteht der Gutachter sofort).

Der Gutachter fragt mich, was ich denn gegen diese Stadt in Mitteldeutschland habe. Natürlich gar nichts. Ich fühle mich sehr wohl in diesem geförderten Arbeitsverhältnis, in dem ich mit keinem Menschen etwas zu tun haben muss. Aber ich benötige diesen Nachteilausgleich, einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkzeichen G und B. Wenn ich den hätte, dann kann meine Begleitperson mich zu meiner Arbeitsstelle bringen. Da sitze ich an einem Schreibtisch und denke und schreibe.  Zum Mittag holt mich immer jemand zum Essen ab (naja es war eher selten).

Und nun habe ich diesen „Interrailausweis für immer und für ganz Deutschland“, gültig für zwei Personen. Auf geht’s in dieser neuen Kategorie „behindert reisen“.

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