Der 17. Juni. Kein Heldengedenktag.

Schon mal darüber nachgedacht, wieso gerade eine kleine Partei am rechten Rand versucht, den 17. Juni für sich zu vereinnahmen? Auch einem Geschichtslehrer und seinen Fans wird es nicht gelingen, Geschichte neu zu schreiben. Wir wissen heute sehr genau, was z.B. in Jena geschah.

Der 17. Juni ist ein Gedenktag für die Opfer des SED-Unrechts. Und kein Heldengedenktag für Leute, die nie kapieren, dass der Nationalsozialismus in die Katastrophe geführt hat. Die Siegermächte hatten kein Interesse an einem wiedervereinigten Deutschland. Jedenfalls 1953 noch nicht.

Der 9. November. Ein Konstrukt verschiedener „Erinnerungsfetzen“


Ich höre die Stimme von Jürgen Fuchs auf der CD „Landschaften der Lüge“. Was ihm und anderen widerfuhr, nannte er einmal „Auschwitz der Seelen“. Obwohl ich in einem ostdeutschen Diakonenhaushalt aufwuchs, wurde mir selbst in der DDR kein Haar gekrümmt. Die Jungs in unserer Familie durften nicht zu den Pionieren? Tja, dann musste ich beim Fahnenappell mit meinen Brüdern eben an der Seite stehen. Um wirklich Ärger zu bekommen, gab es die DDR nicht lange genug.

Darf man den Holocaust in Beziehung zur großen Gesamtgeschichte oder anderen Ereignissen setzen, ohne die Einmaligkeit eines „industriellen Massenmordes“ anzuzweifeln? Geschichten erzählen, Zusammenhänge erklären, ohne unzulässig zu vermischen? Das wird sicher am 9. November 2017, der wie fast jedes Jahr kalt und regnerisch sein wird, diskutiert.

Diese Diskussion fand 1986/87 in der Bundesrepublik bereits statt. Ein Historiker, Ernst Nolte, stellte die These auf, dass der Holocaust in Beziehung zu anderen weltgeschichtlichen Ereignissen, insbesondere zum Stalinismus, gesetzt werden müsse. Michael Stürmer, Historiker und Berater Helmut Kohls, nahm diesen Gedanken auf, um eine „konservative Wende“ in der BRD zu unterstützen. Andere konservative Geisteswissenschaftler unterstützten Nolte und Stürmer.

Philosophen und Historiker wie Jürgen Habermas, Hans-Ulrich Wehler und Thomas Nipperdey nahmen diesen „Fehdehandschuh“ auf, kritisierten die „revisionistischen Historikertrends im Dienst eines nationalkonservativen Geschichtsbilds“ und legten Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts das Verständnis der Bundesrepublik fest, die „Schuld“ der NS-Zeit im kollektiven Gedächtnis anzuerkennen und mitzutragen mit Auswirkungen auf das Geschichtsbild des ganzen Landes. Zum damaligen Zeitpunkt war diese Festlegung bitter nötig. So zeigt die in Jena betreute und 2016 veröffentlichte Arbeit „Holocaust Angst“ von Jacob S. Eder deutlich die antisemitischen Tendenzen innerhalb der Regierung Kohl und die Angst, der Ruf der BRD im Ausland würde beschädigt, wenn die Verbrechen der Nazis offengelegt werden.

Wehler beschrieb die Debatte im Nachhinein als „politischen Kampf um das Selbstverständnis“. Wissenschaftlich wäre alles jedoch nicht gewinnbringend gewesen. Im 5. Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ nannte er die DDR eine „Fußnote der Geschichte“ und brachte damit insbesondere Historiker in Ostdeutschland gegen sich auf. Diese betonten ihrerseits, die Westdeutschen wären bei der „friedlichen Revolution“ 1989 nur „Zaungäste“ gewesen.

In der DDR konnte die Diskussion, wie die ´Shoah` einzuordnen sei, in dieser Form Mitte der achtziger Jahre öffentlich nicht geführt werden (vgl. Link zur Begriffserklärung: „Shoah“ lautet der aktuell gebräuchliche Begriff. Ich selbst bin mit dem Begriff „Holocaust“ aufgewachsen, dessen euphemistische Verdrehung vom „Feueropfer“ mir gerade den Wahnsinn dahinter vor Augen führt).

Die Themen und Diskursangebote im Historikerstreit sollten nachgelesen werden, nicht jedoch 2017 verschiedene Zugänge verhindern. Als Gesellschaftswissenschaftler lege ich meine „Sehepunkte“ offen: ich arbeite als Historiker ideologiekritisch, als Politikwissenschaftler bin ich der Ansicht, die ideologischen Debatten taugen im 21. Jahrhundert in einer globalisierten Welt nichts mehr.

Wenn ich mir dieses ganze „Elend“, die Lügen, das Denunzieren und Morden in der Geschichte ansehe, finde ich in diesem ganzen „Mist“ immer wieder auch Spuren von Gnade, Aufrichtig- und Aufsässigkeit. Der Jenaer Chirurg Prof. Guleke, der Schaden abwenden wollte und in Hinblick auf die erzwungenen Sterilisationen vor den enormen gesundheitlichen Risiken für die Betroffenen warnte. Die Industriellentochter Grete Unrein, die zu Clara Rosenthal hielt, als diese von der Stadtverwaltung und anderen als Jüdin schikaniert wurde.

Viele Jahre später gab es Jenaer, die gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung unterschrieben und dafür bestraft wurden. Einer sagte: „Biermann ist Sozialist. So kann man mit ihm doch nicht umgehen.“ Er wurde von der FSU Jena geschmissen, kam in den Knast und flog dann aus der DDR. Sein Name ist Roland Jahn, Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen.

Das Ende einer Feigheit

Im Hörbuch „Landschaften der Lüge“ spricht Jürgen Fuchs über die Beschäftigung mit deutscher Vergangenheit, wie er sie sich nach 1990 gewünscht hätte. In der Aufarbeitung der Geschichte der DDR wäre nach 1989 dieTäter-Opfer Relation“ durcheinander geraten, da fast jeder in der DDR auch „Täter“ gewesen sei, geschwiegen oder mitgemacht hätte. Fuchs interessierte, wie so etwas entsteht, wie so etwas so kommen konnte. Für ihn war die Fragestellung „was ist mit mir selbst“ eine „humane Orientierung“, die jeder, auf sich selbst bezogen, aushalten müsse.

„Wir sind partiell im Irrtum […] das heißt, wir haben nicht die Wahrheit gepachtet.“

1990 hoffte Fuchs auf „eine große historische Aufarbeitung“ in Bezug auf die NS-Zeit und den Stalinismus, um zu verhindern, dass beides irgendwann vermischt wird. Auch er musste sich auseinandersetzen mit einer Väter-Generation, die gegen die Nazis gekämpft hatte und dann einen neuen Staat aufbaute, der für Fuchs stalinistisch war. Viele wären nach 1945 von Opfern zu Tätern geworden und hätten mit der Ausrede des Antifaschismus junge Deutsche zur Unfreiheit verführt. Das zu besprechen, so Fuchs, wäre zum Ende des letzten Jahrhunderts eigentlich die Aufgabe gewesen.

Im Jahr 2017 taucht auf Facebook eine Ikonografie mit verschiedenen Politikern auf, die typisch ist für die Diktaturen des „Zeitalters der Extreme“ oder „Zeitalters der Ideologien“.

Screenshot Facebook März 2017. Frauke Petry (AfD), Marie le Pen, Gerd Wilders, Donald Trump.

Für alle, die eine Beschäftigung mit der Vergangenheit fürchten: wir sind keine Richter und Staatsanwälte, sondern neugierige Schüler, die in Zukunft nicht die Fehler der Vorfahren wiederholen wollen.

„so wird die eigene Erinnerung im Nachhinein angedickt“. Der 9.11.1989 aus Perspektive eines Popliteraten.

Benjamin von Stuckrad-Barre erinnert sich in seinem Buch „Panikherz“ an eine Mauer, die auf dem Land ein Zaun mit einem gepflügten Acker war, dem Todesstreifen. Dort hätten Tretminen und „Selbstschussanlagen“ die innerdeutsche Grenze gesichert. Jahre später erinnert er sich an die respekteinflößenden Dinge, die damals für ihn zur „Weltkriegsnarbe“ gehörten.

Seine Jugend verbrachte er in Göttingen. Diese Gegend wurde „mitleidig hochnäsig ´Zonenrandgebiet` genannt, in der westdeutschen Bundesländerhierarchie bedeute das die billigen Plätze.“ Im evangelischen Pfarrhaus, in dem er aufwuchs, habe es im Frühjahr 1989 geradezu eine „Hilfsbesessenheit“ gegeben mit „Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns.“ Gemeint waren die Bürger in der DDR. Seine Geschwister schilderten die Reisen in die DDR vor allem mit Gerüchen und Farben:

„Dieses Land schien in erster Linie grau und braun zu sein und nach Kohle zu riechen. Ich stellte es mir vor wie Tschernobyl nach der Kernschmelze.“

Wenn Stuckrad-Barre über die Entstehung von Nachrichten 1989 berichtet, klingt das 28 Jahre später 2017 wie aus einer fernen Zeit. Heute erreichen News in Echtzeit das Publikum. 1989 war das anders. „Damals dauert das ja immer noch, es passierte was, dann ging der Redakteur am nächsten Morgen zur Arbeit in die Zeitung und am darauffolgenden Tag konnte man auf Papier lesen, was da vorgestern passiert ist. ´Grenzenloser Jubel eint die Deutschen`.“

 „Die Fernsehbilder des 9.11.1989, Schabowskis Zettelwahnsinn, der eitel souverän reagierende Hans-Joachim Friedrich, usw. sind so oft wiederholt worden, waren Teil von Dokumentationen und Spielfilmen, so wird die eigene Erinnerung im Nachhinein angedickt. Die wirkliche Erinnerung, also das was man damals wirklich mitbekam und vor allem wie, das ist natürlich viel unspektakulärer, man kennt den Fortgang ja noch nicht.“

Stuckrad-Barre erinnert sich an ein „Café für DDR-Bürger“, „die im wesentlichen nur ihr Begrüßungsgeld in Unterhaltungselektronik umsetzen wollten“. Es sind vor allem die Gerüche von Apfelsinenschalen, die er mit dieser Zeit verbindet. Es hieß, in der DDR habe es keine Apfelsinen gegeben. Deshalb habe jeder ein Netz mit in die Schule gebracht. Auffällig war auch der neue Geruch der Trabis.

In der Schule stellten die Lehrer am Tag nach dem Mauerfall den Unterricht um und sprachen über die DDR, über deutsche Geschichte, die jetzt gerade aufregend gewordene Gegenwart und über eine Zukunft, die nun offenen schien. „Es freuten sich insbesondere die Lehrer, die als ´rechts` galten. Die normale linke Mehrheit der Lehrer schaute nach dem Mauerfall etwas verkniffen und warnte. Man war ja als linksliberaler Mensch Fan der DDR.“ Die DDR sei für viele Linke „verglichen mit dem hiesigen Schweinestaat“ auf jeden Fall „das bessere Deutschland“ gewesen.

Mit einem Freund fuhr Stuckrad-Barre mit den Konfirmationsfahrrädern über den einstigen Grenzstreifen und zitiert seinen Lieblingssänger Udo Lindenberg: „Wir hüpften durchs Minenfeld“. Der Todesstreifen war zum Abenteuerspielplatz geworden.

An was erinnert dich der 9. November?

Wenige Menschen in Ostdeutschland wissen, was sie am 3. Oktober 1990 gemacht haben. Der 9. November 1989 dagegen ist im kollektiven Gedächtnis gespeichert. Fast jeder erinnert sich an diesen Tag. Bei meinen Nachbarn wird das Datum jedes Jahr neu im Kalender markiert.

Kalenderhinweis 9. November

Auch meine Mutter kann sich an diesen Tag erinnern. Sie legte in T. an der alten Synagoge eine Blume nieder. Es war dort kein riesiger von der Partei (SED) organisierter Auflauf. Meine Eltern sind am nächsten Tag zur Arbeit gegangen, denn im evangelischen Altenheim lebten Menschen, die Hilfe brauchten. Meine Mutter redet heute von Erinnerungen an Angst und Ungewissheit, aber auch große Dankbarkeit, die sie spürte.

Jeder konstruiert seine eigene Wirklichkeit und Erinnerung. Das, worauf wir uns als Gesellschaft einigen, ist das öffentliche Gedächtnis. Menschen öffnen sich, wenn sie sich erinnern und ihre eigene Existenz in der Geschichte verorten. ´Dankbarkeit` ist ein Gefühl, das m.E. auch dem 9.11.2017 eine gemeinsame Klammer sein könnte. Das „Elend“ anderer Zeiten sehen und benennen, lernen, dass Geschichte noch nie einfach nur leicht war. In manchen Zeitabschnitten kam es zu einer Verkettung von schändlichen Verbrechen, vom Staat toleriert oder sogar angeordnet, alles „im Namen des Volkes“. Die Krise ist für den Historiker der Normalfall. In der deutschen Geschichte, die voller Unheil ist, findet sich immer Widerstand und Mitmenschlichkeit, die ich als Christ „Gnade“ nenne. Fuchs spricht von „magisch-kulturellen Auswirkungen“ in dieser Stadt, die er gern untersucht hätte.

Wenn ich mich mit Geschichte beschäftige, so merke ich, dass alles, was jetzt ist, geworden ist. Die Aushandlungsprozesse, früher oft mit Gewalt geführt, heute eher ein Ringen auf politischer, medialer und kultureller Ebene, sind komplex und immer wieder neu zu führen. Künstler sind in der Lage, das Ganze zu verdichten. Rio Reiser konnte das gut:

Die deutsche Geschichte in ihren unterschiedlichen Perioden erfüllt mich mit Scham und Schaudern. Gleichzeitig habe ich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit. So viel Freiheit gab es in der deutschen Geschichte noch nie. Ich habe mich entschieden, das zu behalten. 🙂

Ganz schön viel Stoff von

Bertha Kessel (und ihren DiskuTanten).

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Ein „Denkmal der Schande“ aus Licht. Ein Konzept für die Lichtstadt Jena

Dieser Geschichtslehrer (Bernd???) aus Hessen, der meint, „die Geschichte, die deutsche Geschichte [würde] mies und lächerlich gemacht“, hat recht. Auch ich bin der Ansicht, wir brauchen eine „180 % Wende der Erinnerungspolitik“ in unserer Stadt.

Alle vier Menschen, die auf den Fotos dieser kleinen Hologramm-Pyramide, diesem „Denkmal aus Licht“, zu sehen sind, lebten zu unterschiedlichen Zeiten in dieser „Lichtstadt“ Jena. Die vier Lebensgeschichten und –wege sind nicht mehr zu ändern oder zurückzunehmen. Ich habe mir diese Personen herausgesucht aus einer Vielzahl von Fotos, Akten und Archivalien. Sie sind nun ungewollt meine Beispiele dafür, wie Menschen in unserer Stadt in verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen miteinander umgingen.

Es ist wichtig, das zu wissen. Wenn man die Pläne und Hintergründe kennt, dann kann man mit diesen Informationen besser in den zukünftigen Debatten bestehen. Wenn das digitale „Gedenk- und Totenbuch“ der Stadt und seine Täter- und Opfergruppen angesehen werden, dann weiß der Leser, wie ein Staat mit als „homosexuell“, „asozial“ oder „jüdisch“ etikettierten Menschen umging, alle eigentlich ein Teil dieses „deutschen Volkes“ (die dutzenden Namen der Menschen aus Jena und dem Umland mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung, die in großen Gruppen nach Pirna-Sonnenstein gefahren und dort lautlos im Keller vergast wurden, ist im „Gedächtniskonzept“ dieser Stadt bisher nicht sichtbar geworden).

Andere Geschichten zeigen mir, was im Frühjahr 1945 für einen jungen Mann die Entscheidung bedeutete, nicht mehr an diesem Krieg teilzunehmen. Da ich jetzt den Namen „Willy Nützer“ kenne und weiß, wie am 2. April 1945 sein Leben in einer Sandgrube im Grüntal bei Stadtroda endete, kann ich meine Großeltern, die nicht mehr am Leben sind, um darüber Auskunft geben zu können, besser verstehen.

Schütze in 2./Schützen-Ersatz-Kompanie 205 (Standort Frankfurt a. M.). Am 26.05.1942 als UK entlassen. Am 02.04.1945 wegen Nichtanmeldung zum Volkssturm durch das Standortgericht Jena zum Tode verurteilt und am selben Tag hingerichtet.

Unser gedachtes „Denk-Mal“ ist nicht aus Stein. Hier und heute wird nicht dem Sieger gehuldigt oder an einen Besiegten erinnert.

Jena bewirbt sich gerade als „Digitale.Stadt by bitkom“ und möchte das Thema „Stadt und Gesellschaft“ digital erfassen.

Ich habe im Internet eine „digitale Quelle“ gefunden. Die kann dort von jedem weltweit gehört werden. Eine Lesung von Jürgen Fuchs für den RIAS: „Die Fassade“. Darin spricht er über Jena und das Verhältnis der Menschen in der DDR mit ihrer Vergangenheit.

Fuchs hat, wie ich, in dieser Stadt und an dieser Universität das Fach „Sozialpsychologie“ studiert. Er lebte in einer Zeit, in der es lebensgefährlich war, offen seine Meinung zu sagen. Die Menschen der Vergangenheit haben wichtige Quellen hinterlassen. Mit Licht, Glas und ein paar digitalen Daten ist es unsere Aufgabe, auch das „historische Gedächtnis“ unserer Stadt adäquat ins digitale Zeitalter zu überführen. Im Internet wird intensiv über politische und gesellschaftliche Themen debattiert.

Doch zunächst kam Jürgen Fuchs selbst zu Wort. Seine weiche, bedächtige Stimme, der die vogtländische Herkunft des Schriftstellers anzuhören war, erklang vom Band. In präzise formulierten Wortketten entwarf Fuchs eine (Stadt-)Landschaft, den Versuch einer Heimat, die kein Idyll ist, ein Ort voller Erinnerungen an Krieg und Zerstörung. All das, was mit der Gründung der DDR nicht beendet war, sondern fortwirkte und durch neue Gewalt – die Besetzung der ČSSR 1968 etwa –weitergetragen wurde. Schweigen aus Angst, aus Anpassung. Alltag und doch keine Ruhe. ´Die Fassade´ hieß der Text, den Fuchs nach seiner Ausbürgerung im RIAS-Funkhaus in West-Berlin eingelesen hatte. Auf dem Audiobuch ´Das Ende einer Feigheit´ ist er nachzuhören.

Um nicht nur vor „Fake-News“ zu warnen und dem Medium „Internet“ und seinen Foren Ernsthaftigkeit abzusprechen, sondern der interessierten Öffentlichkeit den Stoff zur Verfügung zu stellen, der erklärt, warum unser politisches System so geworden ist, wie es aktuell ist, muss auch „das historische Gedächtnis“ ein „digitales“ werden.

Wieso ein „Denkmal aus Licht“? Von ihm wird nichts übrig bleiben, wenn irgendwann der Stecker gezogen wird. Wie fast alles, was eine „digitale Gesellschaft“ in der Cloud, der virtuellen Datenwolke, hinterlässt. In 100 Jahren wird die Generation unserer Urenkel keine SMS, Emails oder Beiträge in Internetforen finden, die wir dachten, zu hinterlassen. Alte Disketten kann bereits ich nicht mehr auslesen. Unsere Geschichte wird es nie gegeben haben.

Was wir tun können: jetzt mit „digitaler Infrastruktur“ dafür sorgen, dass Menschen und ihre Geschichte für alle sichtbar werden. Das ist das mindeste in einer „digitalen Stadt“, denn ein paar LEDs sind nichts gegen die Geschichten, die dahinter liegen. Diese vier Einwohner Jenas sind nicht mehr hier, nicht real, auch wenn ich möchte, dass sie gesehen werden.

Von Licht bleibt nichts übrig, wenn es dunkel wird.

Aber ihre Geschichte ist hier. Alle vier wurden Opfer der herrschenden Ideologie ihrer Zeit, die ihnen „im Namen des Volkes“ die Würde nehmen wollte. Die Quellen, Zeugnisse, Bilder dieser Leben zeigen, dass in der Vergangenheit nichts zu finden ist, das eine Antwort auf die Fragen von morgen liefert.

An ihren Geschichten können wir aber vieles erklären, was heute nicht ist, weil wir als Gesellschaft gelernt und uns weiterentwickelt haben. Wir haben im Gegensatz zu diesen Menschen unserer Stadt eine Form der Meinungsfreiheit, die erst dort ihre Grenze findet, wo die Würde eines anderen verletzt wird. Deshalb mag ich diese anstrengende und ungerechte Demokratie, in der ich bis jetzt zwar nicht reich geworden bin. Aber ich darf, wenn ich gerade keinen Lohnarbeitsplatz habe, mir die Denkmäler ausdenken, die wir m.E. in Zukunft in dieser Stadt brauchen. Ohne, dass ich bisher deswegen verhaftet wurde. Wir wissen beim Anblick der Bilder, dass in Zukunft, auch im Namen irgendeines Volkes, so etwas nie wieder möglich werden darf.

Ich lebe seit 16 Jahren in dieser Stadt und bezeichne mich als politisch und gesellschaftlich interessierten Menschen. Ich kannte bis in der Nacht vor 2 Tagen nicht diesen Text, der präzise den Umgang der Stadtgesellschaft mit ihrer Geschichte beschreibt. Auch all die anderen Erinnerungen so prominenter Zeitgenossen wie Wolf Biermann liegen in digitaler Form schon lange vor. 2010 wurde in Berlin anlässlich des 60. Geburtstages an Jürgen Fuchs erinnert. An eine Geschichte, die sich in Jena abgespielt hat. Und deren Spuren nach und nach verblassen, wenn sie nicht auch in einem „digitalen Konzept“ mitgedacht werden.

Scheint man sich in der Vergangenheit dieser individuellen Schicksale geschämt zu haben, so sage ich voraus, dass eine Stadt, die sich ihrer historischen Wurzeln und auch „Irrläufer“ besinnt, ganz selbstbewusst in den kommenden Umbrüchen behaupten kann.

Jürgen Fuchs (Lesung von Jürgen Fuchs für den RIAS „Die Fassade“).

https://www.mauerfall-berlin.de/start/j%C3%BCrgen-fuchs/

Wolf Biermann über Jena und Jürgen Fuchs.


Roland Jahn über Jena und seinen Freund Matthias.

Eine interessannte Doku, was 1981 dem jungen Matthias Domaschk aus Jena passierte und wieso sein Fall auch 2017 die Gemüter erhitzen wird. Wurde Matthias ermordet oder nahm er sich das Leben? Und ist diese Frage überhaupt die wichtigste an seiner Geschichte?

Clara Rosenthal wurde in den 1920er Jahren von Zeitgenossen die „schönste Frau Jenas“ genannt. Ihr Mann Eduard arbeitete maßgeblich mit die Thüringer Verfassung aus, ein Grundstein unseres heutigen demokratischen Handelns. Als er 1926 starb, kondolierte die Elite der Stadt seiner Frau Clara, die mit ihrem Mann in einem Testament verfügte, dass die gemeinsame Villa nach beider Tod der Stadt zur Verfügung steht.

Bereits ab 1930 war die NSDAP im später von ihnen genannten „Mustergau“ Thüringen an der Landesregierung beteiligt. Von ihrem Haus aus muss Clara das Gebäude in der Kahlaischen Straße gesehen haben, in dem Karl Astel seine Sippschaftstafel ausarbeitete.

Nach einem Schlaganfall wurde sie in der hiesigen Psychiatrie behandelt. Auch das Menschenbild der dort tätigen Ärzte ist gut bekannt. 1939 schließlich sollte die Villa nach Anweisung des Jenaer Oberbürgermeisters umgehend „judenfrei“ gemacht werden.

„Trotz der Tatsache, daß ihr auch Grete Unrein, eine Tochter Ernst Abbes, in dieser schweren Zeit beistand, nahm sich Clara Rosenthal aus Verzweiflung über den gegen sie gerichteten Terror am 11. November 1941 das Leben.“ (Schulz, Eberhart, Verfolgung und Vernichtung. Rassenwahn und Antisemitismus in Jena 1933-1945, S. 76.)

Der gängige Topos der Geschichtsschreibung ist der einer mit einem Stern gekennzeichneten Opfergruppe, die zur „Schlachtbank“ geführt wird, wie der über Generationen hinweg gebräuchliche Begriff „Holocaust“, das Feueropfer, euphemistisch beschrieb.

Clara Rosenthal wie auch die zweite Frau, die auf einem dieser Bilder aus Licht zu sehen ist, Dr. med. Klara Griefahn (1897-1945 mit ihrer Tochter Dörte StAJ), starben nicht durch die Hand mir persönlich ferner Nationalsozialisten.

Sie nahmen sich selbst das Leben mit Schlaftabletten, wie hunderttausende andere auch. Weil eine Gesellschaft Menschen wie ihnen das Recht auf Mitwirkung und Leben versagte. Weil eine Gesellschaft herrschte, in der sie denunziert, verleumdet und ausgegrenzt wurden. Weil sich eine gut funktionierende Medizin- und Pharmabranche etabliert hatte, die ihnen das Gift zur Verfügung stellte, um angeblich diesen „total kranken Volkskörper“ gesünder zu machen.

Auch Klara Griefahn (1897-1945) wurde nicht von irgendwelchen fernen Nationalsozialisten umgebracht. Sie nahm sich in der Gesellschaft ihrer Zeit selbst das Leben. An ihrem Beispiel lässt sich gut zeigen, wie eine Stadtgesellschaft aus Lügnern, Heuchlern und Denunzianten entstand.

Nach Klara Griefahn wurden in Jena eine Straße und eine Station im Universitätsklinikum benannt. Sie bot als Vorläuferin der modernen Gynäkologie bereits in den 1930er Jahren eine heute selbstverständliche Untersuchung für werdende Mütter an und war bei den Einwohnern Lobedas sehr beliebt. Klara galt jedoch im NS-Rassenwahn als ein „Mischling 2. Grades“. Bereits im Juli 1933 gab sie daher ihre Praxis in der Goethestraße 6 auf und half in der Praxis ihres Ehemannes in Lobeda. Im Jahre 1943 hatte eine Bekannte der Familie Klara als Jüdin denunziert, was das berufliche Aus und zu dieser Zeit die Deportation zur Vernichtung bedeutete.

Es sind Quellen einer Vernehmung durch die Gestapo vom 2. August 1943 überliefert. Klara Griefahn habe bereits da angedeutet, dass sie bei einer Deportation „lieber zuvor aus dem Leben scheiden würde.“ (ThHStAW Thüringisches Ministerium des Innern. Nr. E 1728, Bl. 4 v.)

Klara war ab jetzt verpflichtet, den 2. Vornamen Sara zu führen und den Judenstern zu tragen. Ihren beiden Kindern wurde (auch diese Quellen kann jeder im Archiv anschauen) am 8. Januar 1945 der Abstammungsbescheid als „Mischling ersten Grades“ ausgefertigt. Als sie am 29. Januar 1945 den Bescheid erhielt, sich am 31. Januar zum Transport einzufinden, wählte sie den Freitod. Klara Griefahn konnte nicht ahnen, dass die Menschen dieses Transportes Theresienstadt überleben würden.

Ich lese jetzt den 1978 von Thomas Nipperdey verfassten Aufsatz „1933 und die Kontinuität der deutschen Geschichte“. Um zu wissen, dass diese dümmlichen Versuche eines hessischen Geschichtslehrers, uns über die Frage, wie wir mit unserem historischen Erbe umgehen sollen, zu belehren, jeglicher fachlicher Grundlage entbehren. Wir ringen darum, wie wir in Jena die Vergangenheit vermitteln. Auch 2017. Here we go!

An die alten (und neuen) Genossen (reloaded 2017)

„… ist das ja nur, was ihr mir gabt“

„…Instrumentalisierung dieses historisch sensiblen Gedenktages durch demokratiefeindliche Kräfte… die Planung vorangetrieben (die Zivilgesellschaft soll anders als am 9. November 2016 diesmal agieren und nicht reagieren)… Spaltung der zivilgesellschaftlichen Akteure… Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart… mediale Berichterstattung … eine Presseerklärung aller sich einbringenden Akteure (mit einer Stimme sprechen)…Erstellung einer (filmischen) Dokumentation zum 9. November 2017 in Jena, die auch den Medienvertretern zur Verfügung gestellt werden… Finanzielle Mittel zur Umsetzung von Veranstaltungsformaten und öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen durch JenaKultur… Beibehaltung der Vielfalt der Angebote bei gleichzeitiger Planung von zwei bis drei Angeboten als Kristallisationspunkte… Ritualisierung von Gedenken sollte vermieden werden.

… was ist das denn für ein Befehlston? Viel zu oft wurde den Menschen die Art des Fühlens, Denkens und Handelns befohlen. Jetzt sind wir erwachsen.

„Geduld ist mir die Hure der Feigheit, mit der Faulheit steht sie auf du und du, dem Verbrechen bereitet sie das Bett…“(Biermann als 25 Jähriger!)

… wir können und dürfen, wir behaupten, wollen, singen, malen, wir möchten, wir…

Clara Rosenthal starb am 11. November 1941 in Jena. Am 22. September 1982 endete gegen 16 Uhr Dorothea Uschkoreits Leben in der Tatzendpromenade… denk mal… und an alle anderen.

Wir werden laut darüber diskutieren, warum das geschah.

So etwas darf nie wieder möglich sein!

Welche Denkmäler erinnern an unsere eigene Freiheit?

Alte Soldaten?

Namen auf Stein?

Steinnamen. namenlose…

Licht.

Lichtstadt.

Kristallisationspunkt (hier treffen wir uns jetzt, das habe ich aus deinem Protokoll).

… (ich habe da schon was vorbereitet… Fortsetzung folgt).

Wir lieben Jena!!!

Wir machten ein Versprechen
Wir schworen, wir werden uns immer daran erinnern
Kein Zurück Baby, keine Kapitulation (Bruce Spingsteen)

http://www.jenapolis.de/2016/11/08/initiative-bekraeftigt-wir-wollen-neonazis-nie-in-unserer-stadt/

Veranstaltungsübersicht zum 9. November 2016 in Jena. Und ein Brief an D. Köckert.

Lieber David Köckert,

(ich mag Ihren Vornamen wirklich, auch wenn wir beide wissen, dass Leute mit diesem Namen zwischen 1933 und 1945 nichts zu lachen hatten).

Ich möchte mich herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie uns, die Einwohner Jenas, auf die Bedeutung des „9. November“ als historisches Datum, als „Schicksalstag“ der deutschen Geschichte, aufmerksam machen.

Ich verstehe das auch nicht, dass so viele Ihre Demo einfach verbieten lassen wollen. Die wollen tatsächlich von sich aus unsere Demokratie beschneiden, nur weil Sie und Thügida ein bisschen provozieren.

Wir beide sind uns einig darüber, dass seit 1990 viel zu wenig darüber geredet wurde, was Freiheit und Demokratie bedeuten. Ihre Demoankündigung für diesen Tag in Jena hat jetzt aber endlich dazu geführt, dass unterschiedlichste Vereine, Initiativen und Einzelpersonen ein Programm anbieten, das es in dieser Form so noch nicht gab und ohne Ihre „kleinen Provokationen“ so sicherlich auch nicht gegeben hätte. Das finde ich klasse. Danke, dass Sie die Menschen daran erinnern, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Schöne Freiheit!

Für Ihre nächsten geplanten Demotermine im kommenden Jahr sollten wir uns im Vorfeld besser und früher absprechen. Gerade die Verwaltung und kulturelle Vereine haben viel längere Planungszeiten als Sie und ich.

Wie wäre der 17. Juni 2017? Das wäre doch ein Datum, an das Sie anknüpfen könnten? Wir Geisteswissenschaftler und Kulturschaffenden hätten dann schon die Veranstaltungen konzipiert für die große Mehrheit der Bevölkerung in dieser Stadt, die interessiert daran ist, sich mit den von Ihnen ausgewählten Daten und Themen zu beschäftigen.

Oder wir gestalten gemeinsam einen Themenabend: „Warum enden korrekte Sätze immer nur mit einem Satzzeichen?“

„Durch Einigkeit zu Recht und Freiheit: Für eine echte politische Wende!!!“

Wow, das ist fast Poesie!!!

Wir beide sind Leute, die viele Ausrufezeichen brauchen. Zwei, drei … egal, auch wenn bereits das Rechtschreibprogramm uns darauf aufmerksam macht, dass es falsch ist.

Wollen wir auch im neuen Jahr wieder „Guter Bulle-böser Bulle“ spielen? Sie provozieren und wir Geistes- und Sozialwissenschaftler bieten die Formate historisch-politischer Bildung an, die vorher kaum nachgefragt waren? Gute Idee?

Klar, manchmal nervt das alles. Aber wenn es zu blöd wird, ziehen wir beide zu Lutz Bachmann nach Teneriffa und amüsieren uns über diese Deutschen und ihre komische(n) Geschichte(n).

Also: ich bin dafür, dass Sie am 9.11. in Jena demonstrieren, da auch Randgruppen wie Ihnen und ihren Kumpels das Recht gegeben werden muss, sich zu artikulieren. Ich mag es auch nicht, wenn Putin in Russland Homosexuellen dieses Recht verweigert. Als vom Aussterben bedrohte Randgruppe sollen auch Sie das Recht haben, 2-3 mal im Jahr friedlich in Jena demonstrieren zu dürfen.

Was halten Sie von meiner Idee, den Bewohnern des Damenviertels im nächsten Jahr den „Preis für Zivilcourage“ zu verleihen? Ich meine, die armen Anwohner müssen am meisten darunter leiden, dass wir unsere demokratischen Errungenschaften voll ausleben können.

Ich habe Ihnen zwar dieses tolle Programmheft mitgeschickt, damit Sie sehen, welche positiven Dinge durch Thügida überhaupt erst möglich werden. Leider muss ich aber darauf hinweisen, dass Personen und Organisationen, die der rechtsextremen Szene angehören, von den Veranstaltungen ausgeschlossen sind.

Trotzdem bin ich gespannt auf unsere, Ihre und meine, kommenden Projekte zur Revitalisierung der von uns beiden so geliebten Demokratie.

Viele Grüße und bis Mittwoch in Jena.

Ihre Bertha Kessel

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veranstaltungsuebersicht

Lieber B.

Lieber B.,
es waren in meinen weitschweifigen Ausführungen schon ein paar konkrete Handlungsempfehlungen, die ich leider immer zu gut verstecke:
1. ich persönlich fände es sehr schön und hilfreich, wenn die Philharmonie an diesem Tag mal nicht ihren Romantik-Quatsch spielt, sondern einen bestimmten Programmpunkt wiederholt.
Wäre ein tolles Zeichen der hoch subventionierten Jenaer Kultur.
Wenn dann noch ein paar Freikarten für Jenaer Schüler und Verbände für Behinderte/psychisch Kranke rausspringen (die in der Jenaer Geschichte meistens als erste unter die Räder kamen), wäre das noch besser. Und würde endlich wieder, so richtig „schillermäßig“, Kultur und Bildung verbinden.
2. Was macht die „Rosenthal Villa“ am 9. November? Oder am 11.11.2016? An diesem Tag ist es 75 Jahre her, dass Clara Rosenthal in den Tod getrieben wurde.
Wem gehört dieses Haus und wieso? Ich weiß es, aber viele andere nicht. Ich habe recherchiert, dass Herr Laudin sich sehr mit diesem Thema auskennt. Unser Stadthistoriker R. Stutz, ein guter Freund von mir, hat auf mein Bitten hin dafür gesorgt, dass Herr Laudien auf einer Veranstaltung der Stadt auf dem Marktplatz etwas über Clara Rosenthal und die Geschichte, wie diese Stadt mit ihr umgegangen ist, erzählt. Das ist eigentlich als Harz-4 Empfänger nicht meine Aufgabe, sondern die von JenaKultur. Mache ich aber gern. Und die „Clara Rosenthal Straße“ fehlt. Nur ihr Mann hat eine bekommen.
3. Die Initiative „Kinderfreundliche Stadt e.V.“ macht glücklicherweise am 9.11. eine Veranstaltung. Sie werden auch in der Broschüre, die das ThürAZ mit einem Vorwort von mir herausgibt, beworben. Die Aufgabe einer „Koordinierungsstelle“, die es in Jena eigentlich schon gibt, übernehme ich also gerade freiberuflich.
Ich habe ein paar Dinge erreicht, ein paar andere Ideen, die du dem angehängten Protokoll einer Sitzung des ThürAZ entnehmen kannst, sind wahrscheinlich nicht so einfach umzusetzen.
4. bereits 2014 schrieb Bertha Kessel (ein Pseudonym, mit dem ich schon viel Spaß hatte, hat Fallada, ein Jenaer Psychatrie-Vorfahre, auch so gemacht :-):
„Geistes- und Sozialwissenschaftler in Jena sind in der Lage, die Genese und Wirkung des Konzepts „Nation“, die Entstehung von Ideologien, die Pervertierung der Nation als Gemeinschaft von „Volk und Rasse“, die zwei deutschen Nationen nebeneinander, zu beschreiben und daraus Schlüsse zu ziehen bzw. die Erkenntnisse der Politik und Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.“
Naja, das Geld ging dann in die Romantik und das Novalisfest, wie du ja weißt. Wenn Köckert dann diese Leerstelle besetzt und im Damenviertel solche Dinge wie untenstehendes sagt, und ich hier als arbeitsloser Geisteswissenschaftler sitze, fühle ich mich persönlich herausgefordert:
„Denn wir werden uns nicht mehr verstecken, nicht mehr verkriechen, weil es nicht unsere Art ist, uns so zu verkaufen, wie es diese ganzen Geisteswissenschaftler tun, die wir hier in Jena immer wieder erleben.“
Hier haben Schiller, Goethe und die zwei Humboldt-Brüder in einem Garten gesessen und über dieses kommende „Deutschland“, das es noch nicht gab, nachgedacht. Das könnten wir jetzt auch wieder machen. Jedesmal, wenn David Köckert eine Demo anmeldet. Leider habe ich die Marketing-Stelle, für die ich als Schwerbehinderter zum Vorstellungsgespräch eingeladen war, nicht bekommen. Da wäre mein Handlungsspielraum größer gewesen 🙂
Alte Foren wie der „Runde Tisch für Demokratie“, die versch. Netzwerke, Bündnisse, Koordinierungsstellen und Linken-Parteiversammlungen zum Thema „Wir sind das Volk“, die nur auf 38 hinweisen wollen und 89 vergessen, funktionieren jetzt nicht mehr.
lg
P.S. eine gute Projektidee für Kinder habe ich auch. Aber ich weiß jetzt, wen ich ansprechen muss (und wen nicht).

9. November 2016 in Jena. Zeit für einen „Tag des Erinnerns“.

„Kein Fußbreit den Faschisten“ war in den 90er Jahren auch meine Grundüberzeugung. 2016 ist die Welt viel komplizierter geworden. Deshalb wird auch die Auseinandersetzung darüber, in welcher Welt wir eigentlich leben wollen, anders zu führen sein, als damals, als Ralf Wohlleben einen doof angrinste, wenn man, getrennt durch einen Bauzaun, vor seinem „Fest der Völker“ demonstrierte.

Ich werde mich jetzt in die Bibliothek setzen und nachschauen, mit welcher Summe die „Carl Zeiss Stiftung“ in den 30er Jahren Karl Astel förderte, damit der die statistische „rassenhygienische“ Erfassung der Gesamtbevölkerung von Thüringen nach verschiedenen Kriterien (u.a. Berufszugehörigkeit, beschuldigte Verbrechen, sexuelle Orientierung, Krankheiten etc.) verwirklichen und erbbiologischen, bevölkerungs- und rassenpolitischen Gesetzen und Maßnahmen eine wissenschaftliche Grundlage verleihen konnte.

Diejenigen, denen das das Leben gekostet hat, sind im Totenbuch der Stadt Jena aufgeführt.

Die Carl Zeiss Stiftung hat ziemlich viel Geld. Wenn wir am Samstag den „Carl Zeiss Tag“ feiern, frage ich mal nach, was das alles kostet.

Bei der evangelischen Landeskirche Thüringen werde ich mal anklopfen, ob noch ein paar Gelder aus dem Etat für das Reformationsjubiläum 2017 übrig sind.

Der evangelische Landesbischof von Thüringen, Martin Sasse sah in den Pogromen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 eine Erfüllung von Martin Luthers Forderungen von 1543:

„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird […] die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.]

Und liebe Stadt Jena, lieber Herr Dr. Vogel,

euer Gedenkkonzept ist ein Witz. Der wirtschaftliche Schaden, eine geschichtsvergessene Bevölkerung zu haben, ist viel höher, als euch bewusst ist.

Aber ihr müsst euch vor dem 9. November 2016 nicht fürchten. Wir werden in Jena einen „Tag des Erinnerns“ auf die Beine stellen. Kann man nicht finanzieren? Doch, kann man. Wir brauchen Geld. Viel Geld. Das kriegen wir aber zusammen. Der Etat für den „Carl Zeiss Tag“ ist ja auch zusammen gekommen.

Auch der „Tag des Erinnerns“ ist Stadtmarketing. Tut ein bisschen weh. Bringt aber auch aus wirtschaftlicher Sicht auf lange Sicht mehr, als der Quatsch, vor jedem Nazi-Geburtstag Angst zu haben. Die „braunen Spuren“ werden wir sowieso nie mehr los. Also setzen wir uns damit auseinander.

Demonstrationen am 9.11. verbieten? Finde ich blöd. Meine Eltern und viele andere haben ja 1989 auch nicht gefragt, ob sie demonstrieren dürfen. Zum Glück haben sich die Alten ihre Demos auch nicht verbieten lassen.

Aber ich wünsche mir, dass sich diejenigen, die 1989 für Meinungs- und Demonstrationsfreiheit eingesetzt haben, am 9.11.2016 mit Kindern und Jugendlichen, mit Fremden und Bekannten zusammensetzen und darüber diskutieren, wie das damals gemeint war mit dem Slogan „Wir sind das Volk“, den Thügida heute als Parole benutzt. Warum habt ihr euch das eigentlich nicht schützen/patentieren lassen?

Am 9.11.2016 nehmen wir uns die Zeit, über den Holocaust zu sprechen. Ein junger syrischer Mann, der eine Weile bei meiner Mutter wohnte, hat das in der Schule nämlich ganz anders gelernt. Also werden wir über „industriellen Massenmord“ reden, der auch ganz in der Nähe durchgeführt wurde.

Und finanzieren wird uns das alles David Köckert. Der hat wie ich so einen schönen jüdischen Vornamen. Und für jeden Meter, den er mit seinem Fischauto in Jena vorwärts kommt, werden Institutionen,  die 1938 dabei waren, 100 Euro in einen Fond einbezahlen. Ich möchte, dass David Köckert im November mindestens 500 Meter marschieren darf, denn ich brauche für den Anfang 50.000 Euro von euch. Das ist nichts gegenüber dem Wirtschafts- und Imageschaden, der bisher angelaufen ist. Und das ist auch nichts im Vergleich zu dem, was Stadt und Firmen in Jena ansonsten für Marketing ausgeben (Romantik! 😉).

Und umso öfter und weiter David Köckert mit seinem Fischauto in Jena unterwegs ist, umso bessere Projekte gegen Fremdenhass, Antisemitismus und Ausgrenzungen werden all die verschiedenen Initiativen, die es in Jena gibt, auf die Beine stellen. Ich vermute, der NPD-Köckert wird sich das genau überlegen, wenn er merkt, welche positiven Impulse der damit in dieser Stadt ermöglicht.

Lasst endlich mal die Profis ran. Beim Eichplatz habt ihr es ja auch irgendwann eingesehen. Dann werden in der Zeitung und im Internet Berichte über wichtige Dinge im Zusammenhang mit Jena stehen. Nicht über ein Nazi-Fischauto, das in der Lichstadt unterwegs ist.

Jede Generation muss sich neu über ihre Werte und ihr Verständnis von Demokratie auseinandersetzen. Jetzt sind wir dran.

behindert reisen.

Man kann nur mit dem arbeiten, was da ist. Irgendwann, als es mir schlecht ging, habe ich beschlossen, aus dem ganzen Mist das beste herauszuholen, sozusagen aus der Sch… Gold zu machen.

„Auch aus Steinen, die einem im Weg liegen, kann man etwas Schönes bauen“, haben die Fans der positiven Psychologie immer in der psychiatrischen Tagesklinik gelogen. Aber jetzt mal ehrlich? Welche Vorteile hat es für jemanden, als „behindert“ eingestuft zu werden?

Naja, die Jobsuche wird nicht lustig. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Ich hatte irgendwann in einem Gespräch meiner Neurologin gesagt, dass ich am liebsten den ganzen Tag mit einer Begleitperson unterwegs sein würde in ganz Deutschland. Dafür brauche ich aber einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkzeichen G und B. Mit dem muss man einmal im Jahr 80 Euro bezahlen und kann dafür zu zweit überall den Nahverkehr nutzen (falls nur Hartz IV oder Grundsicherung zur Verfügung steht, bekommt man die Wertmarke geschenkt). Jeder „Normalo“, der ein Monatsabo des Verkehrsbetriebs seiner Wahl bezahlt, weiss, wie teuer das eigentlich ist.

Vor 15 Jahren waren wir „MS-Heinis“ alle automatisch nach Diagnosestellung „schwerbehindert“ und ganz, ganz schwer krank. Aber es gab eben auch immer solche Nasen wie mich, die noch ganz gesund aussahen. Und schließlich haben auch im Bereich, in dem geregelt wird, welche Menschen in unserer Gesellschaft welche „Nachteilsausgleiche“ bekommen, die „Controller“ gewütet, um Einsparungen zu erzielen (zu dieser Gruppe von Menschen ein anderes Mal). Das Merkzeichen „aG“, außergewöhnliche Gehbehinderung und damit diesen tollen Pappaufsteller, mit dem auf Behindertenparkplätzen geparkt werden darf, bekommt nur, wem beide Beine fehlen. Nicht nur eins.

MS-Patienten haben manchmal sog. „Schübe“, in denen sie auf Hilfe angewiesen sind. Ob die Beeinträchtigungen bleiben, kann keiner vorhersagen. Manchmal verschwinden die Folgen wieder vollständig, meistens bleiben aber ein paar Reste des Krankheitsschubs als Erinnerung. Ich z.B. hatte nun schon dreimal eine Sehnerventzündung auf dem linken Auge. Die Folge ist, dass ich links einen leichten „Gesichtsfeldausfall“ habe und mir abends das linke Auge weh tut, wenn ich lange am Bildschirm sitze.

Und so häufen sich also die Behinderungen und der Krieg mit der Verwaltung (die ich mittlerweile ja auch ganz gut kenne).

Also: wenn du nun nach zwei Jahren ´Widersprüche schreiben` vor dem Gutachter in Bayreuth stehst, dann hör auf, den Helden zu spielen, der immer alles allein kann. Du hast genug Robert de Niro-Filme gesehen und weißt, wie sich deine Mitpatienten bewegen.

Da stand ich also mit meinem geborgten Oma-Rollator von H., die ihn nicht mehr braucht, weil sie jetzt fest im Rolli sitzt. Und meinem Kumpel, der mich begleitet (meine Freundinnen haben mich immer verlassen, heul heul, das versteht der Gutachter sofort).

Der Gutachter fragt mich, was ich denn gegen diese Stadt in Mitteldeutschland habe. Natürlich gar nichts. Ich fühle mich sehr wohl in diesem geförderten Arbeitsverhältnis, in dem ich mit keinem Menschen etwas zu tun haben muss. Aber ich benötige diesen Nachteilausgleich, einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkzeichen G und B. Wenn ich den hätte, dann kann meine Begleitperson mich zu meiner Arbeitsstelle bringen. Da sitze ich an einem Schreibtisch und denke und schreibe.  Zum Mittag holt mich immer jemand zum Essen ab (naja es war eher selten).

Und nun habe ich diesen „Interrailausweis für immer und für ganz Deutschland“, gültig für zwei Personen. Auf geht’s in dieser neuen Kategorie „behindert reisen“.