„Kein Fußbreit den Faschisten“ war in den 90er Jahren auch meine Grundüberzeugung. 2016 ist die Welt viel komplizierter geworden. Deshalb wird auch die Auseinandersetzung darüber, in welcher Welt wir eigentlich leben wollen, anders zu führen sein, als damals, als Ralf Wohlleben einen doof angrinste, wenn man, getrennt durch einen Bauzaun, vor seinem „Fest der Völker“ demonstrierte.

Ich werde mich jetzt in die Bibliothek setzen und nachschauen, mit welcher Summe die „Carl Zeiss Stiftung“ in den 30er Jahren Karl Astel förderte, damit der die statistische „rassenhygienische“ Erfassung der Gesamtbevölkerung von Thüringen nach verschiedenen Kriterien (u.a. Berufszugehörigkeit, beschuldigte Verbrechen, sexuelle Orientierung, Krankheiten etc.) verwirklichen und erbbiologischen, bevölkerungs- und rassenpolitischen Gesetzen und Maßnahmen eine wissenschaftliche Grundlage verleihen konnte.

Diejenigen, denen das das Leben gekostet hat, sind im Totenbuch der Stadt Jena aufgeführt.

Die Carl Zeiss Stiftung hat ziemlich viel Geld. Wenn wir am Samstag den „Carl Zeiss Tag“ feiern, frage ich mal nach, was das alles kostet.

Bei der evangelischen Landeskirche Thüringen werde ich mal anklopfen, ob noch ein paar Gelder aus dem Etat für das Reformationsjubiläum 2017 übrig sind.

Der evangelische Landesbischof von Thüringen, Martin Sasse sah in den Pogromen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 eine Erfüllung von Martin Luthers Forderungen von 1543:

„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird […] die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.]

Und liebe Stadt Jena, lieber Herr Dr. Vogel,

euer Gedenkkonzept ist ein Witz. Der wirtschaftliche Schaden, eine geschichtsvergessene Bevölkerung zu haben, ist viel höher, als euch bewusst ist.

Aber ihr müsst euch vor dem 9. November 2016 nicht fürchten. Wir werden in Jena einen „Tag des Erinnerns“ auf die Beine stellen. Kann man nicht finanzieren? Doch, kann man. Wir brauchen Geld. Viel Geld. Das kriegen wir aber zusammen. Der Etat für den „Carl Zeiss Tag“ ist ja auch zusammen gekommen.

Auch der „Tag des Erinnerns“ ist Stadtmarketing. Tut ein bisschen weh. Bringt aber auch aus wirtschaftlicher Sicht auf lange Sicht mehr, als der Quatsch, vor jedem Nazi-Geburtstag Angst zu haben. Die „braunen Spuren“ werden wir sowieso nie mehr los. Also setzen wir uns damit auseinander.

Demonstrationen am 9.11. verbieten? Finde ich blöd. Meine Eltern und viele andere haben ja 1989 auch nicht gefragt, ob sie demonstrieren dürfen. Zum Glück haben sich die Alten ihre Demos auch nicht verbieten lassen.

Aber ich wünsche mir, dass sich diejenigen, die 1989 für Meinungs- und Demonstrationsfreiheit eingesetzt haben, am 9.11.2016 mit Kindern und Jugendlichen, mit Fremden und Bekannten zusammensetzen und darüber diskutieren, wie das damals gemeint war mit dem Slogan „Wir sind das Volk“, den Thügida heute als Parole benutzt. Warum habt ihr euch das eigentlich nicht schützen/patentieren lassen?

Am 9.11.2016 nehmen wir uns die Zeit, über den Holocaust zu sprechen. Ein junger syrischer Mann, der eine Weile bei meiner Mutter wohnte, hat das in der Schule nämlich ganz anders gelernt. Also werden wir über „industriellen Massenmord“ reden, der auch ganz in der Nähe durchgeführt wurde.

Und finanzieren wird uns das alles David Köckert. Der hat wie ich so einen schönen jüdischen Vornamen. Und für jeden Meter, den er mit seinem Fischauto in Jena vorwärts kommt, werden Institutionen,  die 1938 dabei waren, 100 Euro in einen Fond einbezahlen. Ich möchte, dass David Köckert im November mindestens 500 Meter marschieren darf, denn ich brauche für den Anfang 50.000 Euro von euch. Das ist nichts gegenüber dem Wirtschafts- und Imageschaden, der bisher angelaufen ist. Und das ist auch nichts im Vergleich zu dem, was Stadt und Firmen in Jena ansonsten für Marketing ausgeben (Romantik! 😉).

Und umso öfter und weiter David Köckert mit seinem Fischauto in Jena unterwegs ist, umso bessere Projekte gegen Fremdenhass, Antisemitismus und Ausgrenzungen werden all die verschiedenen Initiativen, die es in Jena gibt, auf die Beine stellen. Ich vermute, der NPD-Köckert wird sich das genau überlegen, wenn er merkt, welche positiven Impulse der damit in dieser Stadt ermöglicht.

Lasst endlich mal die Profis ran. Beim Eichplatz habt ihr es ja auch irgendwann eingesehen. Dann werden in der Zeitung und im Internet Berichte über wichtige Dinge im Zusammenhang mit Jena stehen. Nicht über ein Nazi-Fischauto, das in der Lichstadt unterwegs ist.

Jede Generation muss sich neu über ihre Werte und ihr Verständnis von Demokratie auseinandersetzen. Jetzt sind wir dran.

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