Ursprünglich sollte in dieser Serie „Bertha K. und die AfD“ das „völkische Denken“ im Wahlprogramm des Thüringer Ablegers der „Alternative für Deutschland“ (AfD) thematisiert werden. Und dann das. Die Brandenburger AfD befindet sich trotz Wahlerfolgs im Aufruhr. Im Zentrum steht mein geschätzter Gesprächspartner Jan-Ulrich Weiß.

Der Stiefsohn des Landespartei- und Fraktionschefs Alexander Gauland, Stefan Hein, hatte im Wahlkampf interne Papiere an den Spiegel weitergegeben. Der Haussegen hing sicherlich schief. Hein gab daraufhin öffentlich den Mandatsverzicht bekannt und wurde auch innerhalb der AfD isoliert. Nachrücken sollte laut Liste der siebenfache Familienvater Jan-Ulrich Weiß aus Templin (im ersten Teil dieses Artikels wurde beschrieben, was dann passierte).

Noch bevor irgendjemand mit Weiß geredet hatte und die AfD-Basis geklärt hat, wer das Mandat vertreten soll, verkündet Stefan Hein nun überraschend den Rücktritt vom Rücktritt und begründet seine Entscheidung gegenüber dem „Leitmedium der Neuen Rechten“ (SZ), der „Jungen Freiheit“ damit, dass er den Einzug des umstrittenen Nachrückers Weiß verhindern will. An diesem Problem landespolitischer Parteischarmützel kann die AfD Brandenburg zeigen, dass ihre Basis demokratisch entscheidet und nicht allein ein Landes- oder Bundesvorstand.

Und das eigentliche Problem? Der Vorwurf des Antisemitismus? Gerade im Web 2.0 stolpern immer mehr gewählte Politiker und Parteien über das Thema. Entweder werden sie, ideologie- und globalisierungskritisch, wie sie eben sind, vom rechten Rand vereinnahmt. Ein anderer zu schnell gedrückter „Like“ in einem sozialen Netzwerk führt schnell dazu, dass jemand als „Judenhasser“ verunglimpft wird.

Wie kann man die Politik des israelischen Staates kritisieren, ohne als Antisemit zu gelten? (für dieses Problem gibt es mittlerweile Broschüren). Dennoch kommt es immer wieder zu unheilvollen, oft ungewollten Allianzen zwischen Montagsdemonstranten, Eso-Nazis und Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft und Kultur bsp. im Nahen Osten mit einem antiisraelischen Weltbild sozialisiert wurden.

Beim Versuch, das ganze so transparent wie möglich in der Öffentlichkeit aufzuklären, reden Antisemiten und Antiantisemiten in ihren Kommentaren meist über eine von Nationalismus, Sozialdarwinismus und Rassismus begründete Judenfeindlichkeit, die ihren Ausdruck in der nationalsozialistischen Ideologie fand, die bis 1945 vom NS-Regime propagiert wurde. Die Schreiber, egal ob rechts oder links, nutzen dabei dieselben Stereotype und Quellen, wie diejenigen, die in Deutschland in den dreißiger und vierziger Jahren industriellen Massenmord durchführten. Muss das nicht den Opfern des Holocaust und ihren Hinterbliebenen wie eine Verhöhnung vorkommen?

Oft wissen diejenigen, die über Antisemitismus reden, nichts über die europäische Antisemitismusforschung nach 1945, die Kriterien antisemitischer Hetze erarbeitet, die im 21. Jahrhundert wichtig sind.

Niemand scheint sich mehr an die Goldhagen- oder die „Walser“- Debatte zu erinnern. In den Diskursen geht es nicht um aktuelle antisemitische Straftaten oder das Problem des notwendigen friedlichen Zusammenlebens zwischen Menschen mit islamischem, christlichem und jüdischem Hintergrund. Sondern um persönliche Meinungen und Vorwürfe. Ist die seit 1989 gezeigte Simpsons-Figur „Monthy Burns“ eine „antisemitische Karikatur“ im Stile des zeitgenössischen Nazihetzblattes „Stürmer“, wenn sie mit dem Namen des Bankhauses Rothschild in Verbindung gebracht wird? Da muss uns erst ein Altmeister wie Harald Schmidt zeigen, was möglich ist, wenn wir offen miteinander reden.

Jetzt ist es aber an der Zeit, mit Jan-Ulrich Weiß zu reden.

Bertha K: Was hat dich zur Kandidatur für die AfD bewogen?

Jan-Ulrich Weiß: Wenn man will, dass etwas gelingt, dann muss man auch selber was machen. Mich persönlich beschäftigen sehr die Themen „Situation der Großfamilien“, Demographischer Wandel und Landwirtschaft, da ich von dort komme. Die normalen Bürger sind in der Politik nicht vertreten. Wie ist es, einen kleinen Betrieb in Klaushagen in der Uckermark am Laufen zu halten? Ich bin ein Typ, der Probleme wieder ansprechen möchte und sie beim Namen nennt. Saubere und familientaugliche Landwirtschaft, das ist mein Spezialgebiet.

Bertha K.: Wie kam es zu dem angeblich antisemitischen Eintrag auf deinem Facebookprofil, das dann verbreitet wurde, als du für die AfD ein Mandat im Brandenburger Landtag annehmen solltest? Das wird auch hier von manchen als antisemitische Äußerung verstanden.

Jan: Die Fotomontage hab ich lediglich angeschaut und fand sie in dem Moment passend. Also habe ich sie für gut befunden und „gefällt mir“ gedrückt. Ich hatte das selbst aber niemals hochgeladen, noch geteilt, verbreitet oder sonst irgendeinen Schwachsinn. Ich kann auch keinen Bezug zur Zeitung „Der Stürmer“ feststellen, weil ich diese Zeitung nicht lese. Ich sehe auch keine „Weltverschwörung“, weil die Interessen der Finanzindustrie längst durch große Koalitionen und überstaatliche Organisationen (EU, EZB) nicht geheim, sondern ganz offen vertreten werden. Eine geheime „Verschwörung“ ist nicht mehr nötig. Auch dieses Wort finde ich nicht in der Karikatur.

Bertha K: Die AfD hat dich aus der Fraktion ausgeschlossen und auch ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Gleichzeitig verkündet der Stiefsohn des Landeschefs Gauland, dass er nun doch sein Mandat annehmen möchte, das er ja zunächst öffentlich abgedrehten hatte. Wie geht es weiter? Seid ihr als AfD nicht die angebliche „BasisPartei“?

Jan: Ich werde sehen, wie man aus dem ganzen ein Ausschlussverfahren machen will. Ich soll nur das Bauernopfer für ganz andere Dinge sein. Wir sind in Brandenburg, wie auch in anderen Bundesländern, unzufrieden mit der Satzung. Der Landesvorstand sieht das anders. Ich habe für die AfD einen erfolgreichen Wahlkampf gemacht und stehe nach wie vor zu ihren Zielen. Jetzt fühle ich mich aber von der Parteispitze nur noch verkauft und beschissen. Ich habe aber Rückhalt in der Basis, für die ich den Wahlkampf gemacht habe. Diese Leute möchte ich in Potsdam vertreten. Die brandenburgische Partei ist noch gesund, also nahe an den Bürgern. Und die werden das hoffentlich entscheiden.

Bertha K.: Gab es eigentlich Avancen vom „rechten Rand“, als sich der Landeschef Gauland von dir distanzierte?

Jan: Die NPD hat mich natürlich angeschrieben und mich gefragt, ob ich mit ihr reden würde. Daran besteht kein Interesse. Dieser rechtsextremen Partei werde ich mich nicht anschließen.

Bertha K.: Jetzt mal ehrlich. Bist du ein „Judenhasser“, wie die Bild geschrieben hat?

Jan: Ich interessiere mich für Geschichte und da spielt auch immer wieder das Bankenhaus Rothschild eine Rolle. Die Rothschilds schreiben auf ihrer Seite selbst, wie sie zwischen 1820 und 1850 das europäische Bankensystem aufmischten. Aber ich bin kein „Judenhasser“ oder Antisemit. Ich für meine Person weise als bekennender Christ die Geisteshaltung des „Antisemitismus“ aufs schärfste zurück. Sogar die evangelische Kirche in Templin beeilte sich, sich von mir abzugrenzen. Aber ich stehe voll zu meiner geistigen Einstellung: „Widerstand gegen den menschenverachtenden und unersättlichen Machtanspruch der globalen Finanzindustrie“. Das sehe ich als meine Pflicht.

Bertha K.: Die Familie Weiß hat doch sicherlich selbst auch jüdische Vorfahren?

Jan: Natürlich habe ich mit dem Nachnamen „Weiß“ auch jüdische Zweige in meiner Familie, andere Verwandte heißen Rosenthal. Aber darum geht’s hier doch gar nicht. Ich habe nichts, aber auch gar nichts mit Nationalismus, mit Rechten und mit Antisemiten am Hut. Wer mich persönlich kennt, der weiß, dass ich alles bin, aber definitiv kein Nationaler oder Antisemit. Dieser ganze ideologische Kram hilft uns doch nicht bei unseren aktuellen Problemen weiter. Moslems, Christen und Juden werden gegeneinander aufgehetzt und dann versuchen noch einige, den Holocaust mit ins Spiel zu bringen. Und auch die Bankenkrise ist noch lange nicht vorbei. Ich möchte jetzt als Landtagsabgeordneter Politik machen und nicht für etwas diffamiert werden, was einfach nicht stimmt.

Bertha K.: Und da war dann noch der Vorwurf, du hättest auf Facebook den NSU-Prozess als „Schauprozess“ verunglimpft?

Jan: Ja. Die Zustimmung zur Bezeichnung „Schauprozess“ für den laufenden Prozess gegen Beate Zschäpe in Bayern will man jetzt als weiteren Beleg für meine angeblich nicht AfD-konforme Geisteshaltung benutzen. Was sagt denn die Öffentlichkeit? Als wenn das nur Nazis sagen würden. Dabei wundern sich nicht nur Thüringer Landtagsabgeordnete über das Chaos und die Rolle der Geheimdienste. Wer weiß, was da alles noch ans Licht kommt. Ich finde diesen Prozess, wie er jetzt läuft, eine Schande für die deutsche Justiz. Wenn ermordete Mitbürger für einen solchen Zweck instrumentalisiert werden, dann kann ich nur bei allen direkt betroffenen Mitmenschen um Entschuldigung bitten.

Ich danke dem Jan für dieses Gespräch und bleibe weiter dran. Bertha Kessel

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