Der 17. Juni. Kein Heldengedenktag.

Schon mal darüber nachgedacht, wieso gerade eine kleine Partei am rechten Rand versucht, den 17. Juni für sich zu vereinnahmen? Auch einem Geschichtslehrer und seinen Fans wird es nicht gelingen, Geschichte neu zu schreiben. Wir wissen heute sehr genau, was z.B. in Jena geschah.

Der 17. Juni ist ein Gedenktag für die Opfer des SED-Unrechts. Und kein Heldengedenktag für Leute, die nie kapieren, dass der Nationalsozialismus in die Katastrophe geführt hat. Die Siegermächte hatten kein Interesse an einem wiedervereinigten Deutschland. Jedenfalls 1953 noch nicht.

Der 9. November. Ein Konstrukt verschiedener „Erinnerungsfetzen“


Ich höre die Stimme von Jürgen Fuchs auf der CD „Landschaften der Lüge“. Was ihm und anderen widerfuhr, nannte er einmal „Auschwitz der Seelen“. Obwohl ich in einem ostdeutschen Diakonenhaushalt aufwuchs, wurde mir selbst in der DDR kein Haar gekrümmt. Die Jungs in unserer Familie durften nicht zu den Pionieren? Tja, dann musste ich beim Fahnenappell mit meinen Brüdern eben an der Seite stehen. Um wirklich Ärger zu bekommen, gab es die DDR nicht lange genug.

Darf man den Holocaust in Beziehung zur großen Gesamtgeschichte oder anderen Ereignissen setzen, ohne die Einmaligkeit eines „industriellen Massenmordes“ anzuzweifeln? Geschichten erzählen, Zusammenhänge erklären, ohne unzulässig zu vermischen? Das wird sicher am 9. November 2017, der wie fast jedes Jahr kalt und regnerisch sein wird, diskutiert.

Diese Diskussion fand 1986/87 in der Bundesrepublik bereits statt. Ein Historiker, Ernst Nolte, stellte die These auf, dass der Holocaust in Beziehung zu anderen weltgeschichtlichen Ereignissen, insbesondere zum Stalinismus, gesetzt werden müsse. Michael Stürmer, Historiker und Berater Helmut Kohls, nahm diesen Gedanken auf, um eine „konservative Wende“ in der BRD zu unterstützen. Andere konservative Geisteswissenschaftler unterstützten Nolte und Stürmer.

Philosophen und Historiker wie Jürgen Habermas, Hans-Ulrich Wehler und Thomas Nipperdey nahmen diesen „Fehdehandschuh“ auf, kritisierten die „revisionistischen Historikertrends im Dienst eines nationalkonservativen Geschichtsbilds“ und legten Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts das Verständnis der Bundesrepublik fest, die „Schuld“ der NS-Zeit im kollektiven Gedächtnis anzuerkennen und mitzutragen mit Auswirkungen auf das Geschichtsbild des ganzen Landes. Zum damaligen Zeitpunkt war diese Festlegung bitter nötig. So zeigt die in Jena betreute und 2016 veröffentlichte Arbeit „Holocaust Angst“ von Jacob S. Eder deutlich die antisemitischen Tendenzen innerhalb der Regierung Kohl und die Angst, der Ruf der BRD im Ausland würde beschädigt, wenn die Verbrechen der Nazis offengelegt werden.

Wehler beschrieb die Debatte im Nachhinein als „politischen Kampf um das Selbstverständnis“. Wissenschaftlich wäre alles jedoch nicht gewinnbringend gewesen. Im 5. Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ nannte er die DDR eine „Fußnote der Geschichte“ und brachte damit insbesondere Historiker in Ostdeutschland gegen sich auf. Diese betonten ihrerseits, die Westdeutschen wären bei der „friedlichen Revolution“ 1989 nur „Zaungäste“ gewesen.

In der DDR konnte die Diskussion, wie die ´Shoah` einzuordnen sei, in dieser Form Mitte der achtziger Jahre öffentlich nicht geführt werden (vgl. Link zur Begriffserklärung: „Shoah“ lautet der aktuell gebräuchliche Begriff. Ich selbst bin mit dem Begriff „Holocaust“ aufgewachsen, dessen euphemistische Verdrehung vom „Feueropfer“ mir gerade den Wahnsinn dahinter vor Augen führt).

Die Themen und Diskursangebote im Historikerstreit sollten nachgelesen werden, nicht jedoch 2017 verschiedene Zugänge verhindern. Als Gesellschaftswissenschaftler lege ich meine „Sehepunkte“ offen: ich arbeite als Historiker ideologiekritisch, als Politikwissenschaftler bin ich der Ansicht, die ideologischen Debatten taugen im 21. Jahrhundert in einer globalisierten Welt nichts mehr.

Wenn ich mir dieses ganze „Elend“, die Lügen, das Denunzieren und Morden in der Geschichte ansehe, finde ich in diesem ganzen „Mist“ immer wieder auch Spuren von Gnade, Aufrichtig- und Aufsässigkeit. Der Jenaer Chirurg Prof. Guleke, der Schaden abwenden wollte und in Hinblick auf die erzwungenen Sterilisationen vor den enormen gesundheitlichen Risiken für die Betroffenen warnte. Die Industriellentochter Grete Unrein, die zu Clara Rosenthal hielt, als diese von der Stadtverwaltung und anderen als Jüdin schikaniert wurde.

Viele Jahre später gab es Jenaer, die gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung unterschrieben und dafür bestraft wurden. Einer sagte: „Biermann ist Sozialist. So kann man mit ihm doch nicht umgehen.“ Er wurde von der FSU Jena geschmissen, kam in den Knast und flog dann aus der DDR. Sein Name ist Roland Jahn, Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen.

Das Ende einer Feigheit

Im Hörbuch „Landschaften der Lüge“ spricht Jürgen Fuchs über die Beschäftigung mit deutscher Vergangenheit, wie er sie sich nach 1990 gewünscht hätte. In der Aufarbeitung der Geschichte der DDR wäre nach 1989 dieTäter-Opfer Relation“ durcheinander geraten, da fast jeder in der DDR auch „Täter“ gewesen sei, geschwiegen oder mitgemacht hätte. Fuchs interessierte, wie so etwas entsteht, wie so etwas so kommen konnte. Für ihn war die Fragestellung „was ist mit mir selbst“ eine „humane Orientierung“, die jeder, auf sich selbst bezogen, aushalten müsse.

„Wir sind partiell im Irrtum […] das heißt, wir haben nicht die Wahrheit gepachtet.“

1990 hoffte Fuchs auf „eine große historische Aufarbeitung“ in Bezug auf die NS-Zeit und den Stalinismus, um zu verhindern, dass beides irgendwann vermischt wird. Auch er musste sich auseinandersetzen mit einer Väter-Generation, die gegen die Nazis gekämpft hatte und dann einen neuen Staat aufbaute, der für Fuchs stalinistisch war. Viele wären nach 1945 von Opfern zu Tätern geworden und hätten mit der Ausrede des Antifaschismus junge Deutsche zur Unfreiheit verführt. Das zu besprechen, so Fuchs, wäre zum Ende des letzten Jahrhunderts eigentlich die Aufgabe gewesen.

Im Jahr 2017 taucht auf Facebook eine Ikonografie mit verschiedenen Politikern auf, die typisch ist für die Diktaturen des „Zeitalters der Extreme“ oder „Zeitalters der Ideologien“.

Screenshot Facebook März 2017. Frauke Petry (AfD), Marie le Pen, Gerd Wilders, Donald Trump.

Für alle, die eine Beschäftigung mit der Vergangenheit fürchten: wir sind keine Richter und Staatsanwälte, sondern neugierige Schüler, die in Zukunft nicht die Fehler der Vorfahren wiederholen wollen.

„so wird die eigene Erinnerung im Nachhinein angedickt“. Der 9.11.1989 aus Perspektive eines Popliteraten.

Benjamin von Stuckrad-Barre erinnert sich in seinem Buch „Panikherz“ an eine Mauer, die auf dem Land ein Zaun mit einem gepflügten Acker war, dem Todesstreifen. Dort hätten Tretminen und „Selbstschussanlagen“ die innerdeutsche Grenze gesichert. Jahre später erinnert er sich an die respekteinflößenden Dinge, die damals für ihn zur „Weltkriegsnarbe“ gehörten.

Seine Jugend verbrachte er in Göttingen. Diese Gegend wurde „mitleidig hochnäsig ´Zonenrandgebiet` genannt, in der westdeutschen Bundesländerhierarchie bedeute das die billigen Plätze.“ Im evangelischen Pfarrhaus, in dem er aufwuchs, habe es im Frühjahr 1989 geradezu eine „Hilfsbesessenheit“ gegeben mit „Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns.“ Gemeint waren die Bürger in der DDR. Seine Geschwister schilderten die Reisen in die DDR vor allem mit Gerüchen und Farben:

„Dieses Land schien in erster Linie grau und braun zu sein und nach Kohle zu riechen. Ich stellte es mir vor wie Tschernobyl nach der Kernschmelze.“

Wenn Stuckrad-Barre über die Entstehung von Nachrichten 1989 berichtet, klingt das 28 Jahre später 2017 wie aus einer fernen Zeit. Heute erreichen News in Echtzeit das Publikum. 1989 war das anders. „Damals dauert das ja immer noch, es passierte was, dann ging der Redakteur am nächsten Morgen zur Arbeit in die Zeitung und am darauffolgenden Tag konnte man auf Papier lesen, was da vorgestern passiert ist. ´Grenzenloser Jubel eint die Deutschen`.“

 „Die Fernsehbilder des 9.11.1989, Schabowskis Zettelwahnsinn, der eitel souverän reagierende Hans-Joachim Friedrich, usw. sind so oft wiederholt worden, waren Teil von Dokumentationen und Spielfilmen, so wird die eigene Erinnerung im Nachhinein angedickt. Die wirkliche Erinnerung, also das was man damals wirklich mitbekam und vor allem wie, das ist natürlich viel unspektakulärer, man kennt den Fortgang ja noch nicht.“

Stuckrad-Barre erinnert sich an ein „Café für DDR-Bürger“, „die im wesentlichen nur ihr Begrüßungsgeld in Unterhaltungselektronik umsetzen wollten“. Es sind vor allem die Gerüche von Apfelsinenschalen, die er mit dieser Zeit verbindet. Es hieß, in der DDR habe es keine Apfelsinen gegeben. Deshalb habe jeder ein Netz mit in die Schule gebracht. Auffällig war auch der neue Geruch der Trabis.

In der Schule stellten die Lehrer am Tag nach dem Mauerfall den Unterricht um und sprachen über die DDR, über deutsche Geschichte, die jetzt gerade aufregend gewordene Gegenwart und über eine Zukunft, die nun offenen schien. „Es freuten sich insbesondere die Lehrer, die als ´rechts` galten. Die normale linke Mehrheit der Lehrer schaute nach dem Mauerfall etwas verkniffen und warnte. Man war ja als linksliberaler Mensch Fan der DDR.“ Die DDR sei für viele Linke „verglichen mit dem hiesigen Schweinestaat“ auf jeden Fall „das bessere Deutschland“ gewesen.

Mit einem Freund fuhr Stuckrad-Barre mit den Konfirmationsfahrrädern über den einstigen Grenzstreifen und zitiert seinen Lieblingssänger Udo Lindenberg: „Wir hüpften durchs Minenfeld“. Der Todesstreifen war zum Abenteuerspielplatz geworden.

An was erinnert dich der 9. November?

Wenige Menschen in Ostdeutschland wissen, was sie am 3. Oktober 1990 gemacht haben. Der 9. November 1989 dagegen ist im kollektiven Gedächtnis gespeichert. Fast jeder erinnert sich an diesen Tag. Bei meinen Nachbarn wird das Datum jedes Jahr neu im Kalender markiert.

Kalenderhinweis 9. November

Auch meine Mutter kann sich an diesen Tag erinnern. Sie legte in T. an der alten Synagoge eine Blume nieder. Es war dort kein riesiger von der Partei (SED) organisierter Auflauf. Meine Eltern sind am nächsten Tag zur Arbeit gegangen, denn im evangelischen Altenheim lebten Menschen, die Hilfe brauchten. Meine Mutter redet heute von Erinnerungen an Angst und Ungewissheit, aber auch große Dankbarkeit, die sie spürte.

Jeder konstruiert seine eigene Wirklichkeit und Erinnerung. Das, worauf wir uns als Gesellschaft einigen, ist das öffentliche Gedächtnis. Menschen öffnen sich, wenn sie sich erinnern und ihre eigene Existenz in der Geschichte verorten. ´Dankbarkeit` ist ein Gefühl, das m.E. auch dem 9.11.2017 eine gemeinsame Klammer sein könnte. Das „Elend“ anderer Zeiten sehen und benennen, lernen, dass Geschichte noch nie einfach nur leicht war. In manchen Zeitabschnitten kam es zu einer Verkettung von schändlichen Verbrechen, vom Staat toleriert oder sogar angeordnet, alles „im Namen des Volkes“. Die Krise ist für den Historiker der Normalfall. In der deutschen Geschichte, die voller Unheil ist, findet sich immer Widerstand und Mitmenschlichkeit, die ich als Christ „Gnade“ nenne. Fuchs spricht von „magisch-kulturellen Auswirkungen“ in dieser Stadt, die er gern untersucht hätte.

Wenn ich mich mit Geschichte beschäftige, so merke ich, dass alles, was jetzt ist, geworden ist. Die Aushandlungsprozesse, früher oft mit Gewalt geführt, heute eher ein Ringen auf politischer, medialer und kultureller Ebene, sind komplex und immer wieder neu zu führen. Künstler sind in der Lage, das Ganze zu verdichten. Rio Reiser konnte das gut:

Die deutsche Geschichte in ihren unterschiedlichen Perioden erfüllt mich mit Scham und Schaudern. Gleichzeitig habe ich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit. So viel Freiheit gab es in der deutschen Geschichte noch nie. Ich habe mich entschieden, das zu behalten. 🙂

Ganz schön viel Stoff von

Bertha Kessel (und ihren DiskuTanten).

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Ein „Denkmal der Schande“ aus Licht. Ein Konzept für die Lichtstadt Jena

Dieser Geschichtslehrer (Bernd???) aus Hessen, der meint, „die Geschichte, die deutsche Geschichte [würde] mies und lächerlich gemacht“, hat recht. Auch ich bin der Ansicht, wir brauchen eine „180 % Wende der Erinnerungspolitik“ in unserer Stadt.

Alle vier Menschen, die auf den Fotos dieser kleinen Hologramm-Pyramide, diesem „Denkmal aus Licht“, zu sehen sind, lebten zu unterschiedlichen Zeiten in dieser „Lichtstadt“ Jena. Die vier Lebensgeschichten und –wege sind nicht mehr zu ändern oder zurückzunehmen. Ich habe mir diese Personen herausgesucht aus einer Vielzahl von Fotos, Akten und Archivalien. Sie sind nun ungewollt meine Beispiele dafür, wie Menschen in unserer Stadt in verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen miteinander umgingen.

Es ist wichtig, das zu wissen. Wenn man die Pläne und Hintergründe kennt, dann kann man mit diesen Informationen besser in den zukünftigen Debatten bestehen. Wenn das digitale „Gedenk- und Totenbuch“ der Stadt und seine Täter- und Opfergruppen angesehen werden, dann weiß der Leser, wie ein Staat mit als „homosexuell“, „asozial“ oder „jüdisch“ etikettierten Menschen umging, alle eigentlich ein Teil dieses „deutschen Volkes“ (die dutzenden Namen der Menschen aus Jena und dem Umland mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung, die in großen Gruppen nach Pirna-Sonnenstein gefahren und dort lautlos im Keller vergast wurden, ist im „Gedächtniskonzept“ dieser Stadt bisher nicht sichtbar geworden).

Andere Geschichten zeigen mir, was im Frühjahr 1945 für einen jungen Mann die Entscheidung bedeutete, nicht mehr an diesem Krieg teilzunehmen. Da ich jetzt den Namen „Willy Nützer“ kenne und weiß, wie am 2. April 1945 sein Leben in einer Sandgrube im Grüntal bei Stadtroda endete, kann ich meine Großeltern, die nicht mehr am Leben sind, um darüber Auskunft geben zu können, besser verstehen.

Schütze in 2./Schützen-Ersatz-Kompanie 205 (Standort Frankfurt a. M.). Am 26.05.1942 als UK entlassen. Am 02.04.1945 wegen Nichtanmeldung zum Volkssturm durch das Standortgericht Jena zum Tode verurteilt und am selben Tag hingerichtet.

Unser gedachtes „Denk-Mal“ ist nicht aus Stein. Hier und heute wird nicht dem Sieger gehuldigt oder an einen Besiegten erinnert.

Jena bewirbt sich gerade als „Digitale.Stadt by bitkom“ und möchte das Thema „Stadt und Gesellschaft“ digital erfassen.

Ich habe im Internet eine „digitale Quelle“ gefunden. Die kann dort von jedem weltweit gehört werden. Eine Lesung von Jürgen Fuchs für den RIAS: „Die Fassade“. Darin spricht er über Jena und das Verhältnis der Menschen in der DDR mit ihrer Vergangenheit.

Fuchs hat, wie ich, in dieser Stadt und an dieser Universität das Fach „Sozialpsychologie“ studiert. Er lebte in einer Zeit, in der es lebensgefährlich war, offen seine Meinung zu sagen. Die Menschen der Vergangenheit haben wichtige Quellen hinterlassen. Mit Licht, Glas und ein paar digitalen Daten ist es unsere Aufgabe, auch das „historische Gedächtnis“ unserer Stadt adäquat ins digitale Zeitalter zu überführen. Im Internet wird intensiv über politische und gesellschaftliche Themen debattiert.

Doch zunächst kam Jürgen Fuchs selbst zu Wort. Seine weiche, bedächtige Stimme, der die vogtländische Herkunft des Schriftstellers anzuhören war, erklang vom Band. In präzise formulierten Wortketten entwarf Fuchs eine (Stadt-)Landschaft, den Versuch einer Heimat, die kein Idyll ist, ein Ort voller Erinnerungen an Krieg und Zerstörung. All das, was mit der Gründung der DDR nicht beendet war, sondern fortwirkte und durch neue Gewalt – die Besetzung der ČSSR 1968 etwa –weitergetragen wurde. Schweigen aus Angst, aus Anpassung. Alltag und doch keine Ruhe. ´Die Fassade´ hieß der Text, den Fuchs nach seiner Ausbürgerung im RIAS-Funkhaus in West-Berlin eingelesen hatte. Auf dem Audiobuch ´Das Ende einer Feigheit´ ist er nachzuhören.

Um nicht nur vor „Fake-News“ zu warnen und dem Medium „Internet“ und seinen Foren Ernsthaftigkeit abzusprechen, sondern der interessierten Öffentlichkeit den Stoff zur Verfügung zu stellen, der erklärt, warum unser politisches System so geworden ist, wie es aktuell ist, muss auch „das historische Gedächtnis“ ein „digitales“ werden.

Wieso ein „Denkmal aus Licht“? Von ihm wird nichts übrig bleiben, wenn irgendwann der Stecker gezogen wird. Wie fast alles, was eine „digitale Gesellschaft“ in der Cloud, der virtuellen Datenwolke, hinterlässt. In 100 Jahren wird die Generation unserer Urenkel keine SMS, Emails oder Beiträge in Internetforen finden, die wir dachten, zu hinterlassen. Alte Disketten kann bereits ich nicht mehr auslesen. Unsere Geschichte wird es nie gegeben haben.

Was wir tun können: jetzt mit „digitaler Infrastruktur“ dafür sorgen, dass Menschen und ihre Geschichte für alle sichtbar werden. Das ist das mindeste in einer „digitalen Stadt“, denn ein paar LEDs sind nichts gegen die Geschichten, die dahinter liegen. Diese vier Einwohner Jenas sind nicht mehr hier, nicht real, auch wenn ich möchte, dass sie gesehen werden.

Von Licht bleibt nichts übrig, wenn es dunkel wird.

Aber ihre Geschichte ist hier. Alle vier wurden Opfer der herrschenden Ideologie ihrer Zeit, die ihnen „im Namen des Volkes“ die Würde nehmen wollte. Die Quellen, Zeugnisse, Bilder dieser Leben zeigen, dass in der Vergangenheit nichts zu finden ist, das eine Antwort auf die Fragen von morgen liefert.

An ihren Geschichten können wir aber vieles erklären, was heute nicht ist, weil wir als Gesellschaft gelernt und uns weiterentwickelt haben. Wir haben im Gegensatz zu diesen Menschen unserer Stadt eine Form der Meinungsfreiheit, die erst dort ihre Grenze findet, wo die Würde eines anderen verletzt wird. Deshalb mag ich diese anstrengende und ungerechte Demokratie, in der ich bis jetzt zwar nicht reich geworden bin. Aber ich darf, wenn ich gerade keinen Lohnarbeitsplatz habe, mir die Denkmäler ausdenken, die wir m.E. in Zukunft in dieser Stadt brauchen. Ohne, dass ich bisher deswegen verhaftet wurde. Wir wissen beim Anblick der Bilder, dass in Zukunft, auch im Namen irgendeines Volkes, so etwas nie wieder möglich werden darf.

Ich lebe seit 16 Jahren in dieser Stadt und bezeichne mich als politisch und gesellschaftlich interessierten Menschen. Ich kannte bis in der Nacht vor 2 Tagen nicht diesen Text, der präzise den Umgang der Stadtgesellschaft mit ihrer Geschichte beschreibt. Auch all die anderen Erinnerungen so prominenter Zeitgenossen wie Wolf Biermann liegen in digitaler Form schon lange vor. 2010 wurde in Berlin anlässlich des 60. Geburtstages an Jürgen Fuchs erinnert. An eine Geschichte, die sich in Jena abgespielt hat. Und deren Spuren nach und nach verblassen, wenn sie nicht auch in einem „digitalen Konzept“ mitgedacht werden.

Scheint man sich in der Vergangenheit dieser individuellen Schicksale geschämt zu haben, so sage ich voraus, dass eine Stadt, die sich ihrer historischen Wurzeln und auch „Irrläufer“ besinnt, ganz selbstbewusst in den kommenden Umbrüchen behaupten kann.

Jürgen Fuchs (Lesung von Jürgen Fuchs für den RIAS „Die Fassade“).

https://www.mauerfall-berlin.de/start/j%C3%BCrgen-fuchs/

Wolf Biermann über Jena und Jürgen Fuchs.


Roland Jahn über Jena und seinen Freund Matthias.

Eine interessannte Doku, was 1981 dem jungen Matthias Domaschk aus Jena passierte und wieso sein Fall auch 2017 die Gemüter erhitzen wird. Wurde Matthias ermordet oder nahm er sich das Leben? Und ist diese Frage überhaupt die wichtigste an seiner Geschichte?

Clara Rosenthal wurde in den 1920er Jahren von Zeitgenossen die „schönste Frau Jenas“ genannt. Ihr Mann Eduard arbeitete maßgeblich mit die Thüringer Verfassung aus, ein Grundstein unseres heutigen demokratischen Handelns. Als er 1926 starb, kondolierte die Elite der Stadt seiner Frau Clara, die mit ihrem Mann in einem Testament verfügte, dass die gemeinsame Villa nach beider Tod der Stadt zur Verfügung steht.

Bereits ab 1930 war die NSDAP im später von ihnen genannten „Mustergau“ Thüringen an der Landesregierung beteiligt. Von ihrem Haus aus muss Clara das Gebäude in der Kahlaischen Straße gesehen haben, in dem Karl Astel seine Sippschaftstafel ausarbeitete.

Nach einem Schlaganfall wurde sie in der hiesigen Psychiatrie behandelt. Auch das Menschenbild der dort tätigen Ärzte ist gut bekannt. 1939 schließlich sollte die Villa nach Anweisung des Jenaer Oberbürgermeisters umgehend „judenfrei“ gemacht werden.

„Trotz der Tatsache, daß ihr auch Grete Unrein, eine Tochter Ernst Abbes, in dieser schweren Zeit beistand, nahm sich Clara Rosenthal aus Verzweiflung über den gegen sie gerichteten Terror am 11. November 1941 das Leben.“ (Schulz, Eberhart, Verfolgung und Vernichtung. Rassenwahn und Antisemitismus in Jena 1933-1945, S. 76.)

Der gängige Topos der Geschichtsschreibung ist der einer mit einem Stern gekennzeichneten Opfergruppe, die zur „Schlachtbank“ geführt wird, wie der über Generationen hinweg gebräuchliche Begriff „Holocaust“, das Feueropfer, euphemistisch beschrieb.

Clara Rosenthal wie auch die zweite Frau, die auf einem dieser Bilder aus Licht zu sehen ist, Dr. med. Klara Griefahn (1897-1945 mit ihrer Tochter Dörte StAJ), starben nicht durch die Hand mir persönlich ferner Nationalsozialisten.

Sie nahmen sich selbst das Leben mit Schlaftabletten, wie hunderttausende andere auch. Weil eine Gesellschaft Menschen wie ihnen das Recht auf Mitwirkung und Leben versagte. Weil eine Gesellschaft herrschte, in der sie denunziert, verleumdet und ausgegrenzt wurden. Weil sich eine gut funktionierende Medizin- und Pharmabranche etabliert hatte, die ihnen das Gift zur Verfügung stellte, um angeblich diesen „total kranken Volkskörper“ gesünder zu machen.

Auch Klara Griefahn (1897-1945) wurde nicht von irgendwelchen fernen Nationalsozialisten umgebracht. Sie nahm sich in der Gesellschaft ihrer Zeit selbst das Leben. An ihrem Beispiel lässt sich gut zeigen, wie eine Stadtgesellschaft aus Lügnern, Heuchlern und Denunzianten entstand.

Nach Klara Griefahn wurden in Jena eine Straße und eine Station im Universitätsklinikum benannt. Sie bot als Vorläuferin der modernen Gynäkologie bereits in den 1930er Jahren eine heute selbstverständliche Untersuchung für werdende Mütter an und war bei den Einwohnern Lobedas sehr beliebt. Klara galt jedoch im NS-Rassenwahn als ein „Mischling 2. Grades“. Bereits im Juli 1933 gab sie daher ihre Praxis in der Goethestraße 6 auf und half in der Praxis ihres Ehemannes in Lobeda. Im Jahre 1943 hatte eine Bekannte der Familie Klara als Jüdin denunziert, was das berufliche Aus und zu dieser Zeit die Deportation zur Vernichtung bedeutete.

Es sind Quellen einer Vernehmung durch die Gestapo vom 2. August 1943 überliefert. Klara Griefahn habe bereits da angedeutet, dass sie bei einer Deportation „lieber zuvor aus dem Leben scheiden würde.“ (ThHStAW Thüringisches Ministerium des Innern. Nr. E 1728, Bl. 4 v.)

Klara war ab jetzt verpflichtet, den 2. Vornamen Sara zu führen und den Judenstern zu tragen. Ihren beiden Kindern wurde (auch diese Quellen kann jeder im Archiv anschauen) am 8. Januar 1945 der Abstammungsbescheid als „Mischling ersten Grades“ ausgefertigt. Als sie am 29. Januar 1945 den Bescheid erhielt, sich am 31. Januar zum Transport einzufinden, wählte sie den Freitod. Klara Griefahn konnte nicht ahnen, dass die Menschen dieses Transportes Theresienstadt überleben würden.

Ich lese jetzt den 1978 von Thomas Nipperdey verfassten Aufsatz „1933 und die Kontinuität der deutschen Geschichte“. Um zu wissen, dass diese dümmlichen Versuche eines hessischen Geschichtslehrers, uns über die Frage, wie wir mit unserem historischen Erbe umgehen sollen, zu belehren, jeglicher fachlicher Grundlage entbehren. Wir ringen darum, wie wir in Jena die Vergangenheit vermitteln. Auch 2017. Here we go!

An die alten (und neuen) Genossen (reloaded 2017)

„… ist das ja nur, was ihr mir gabt“

„…Instrumentalisierung dieses historisch sensiblen Gedenktages durch demokratiefeindliche Kräfte… die Planung vorangetrieben (die Zivilgesellschaft soll anders als am 9. November 2016 diesmal agieren und nicht reagieren)… Spaltung der zivilgesellschaftlichen Akteure… Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart… mediale Berichterstattung … eine Presseerklärung aller sich einbringenden Akteure (mit einer Stimme sprechen)…Erstellung einer (filmischen) Dokumentation zum 9. November 2017 in Jena, die auch den Medienvertretern zur Verfügung gestellt werden… Finanzielle Mittel zur Umsetzung von Veranstaltungsformaten und öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen durch JenaKultur… Beibehaltung der Vielfalt der Angebote bei gleichzeitiger Planung von zwei bis drei Angeboten als Kristallisationspunkte… Ritualisierung von Gedenken sollte vermieden werden.

… was ist das denn für ein Befehlston? Viel zu oft wurde den Menschen die Art des Fühlens, Denkens und Handelns befohlen. Jetzt sind wir erwachsen.

„Geduld ist mir die Hure der Feigheit, mit der Faulheit steht sie auf du und du, dem Verbrechen bereitet sie das Bett…“(Biermann als 25 Jähriger!)

… wir können und dürfen, wir behaupten, wollen, singen, malen, wir möchten, wir…

Clara Rosenthal starb am 11. November 1941 in Jena. Am 22. September 1982 endete gegen 16 Uhr Dorothea Uschkoreits Leben in der Tatzendpromenade… denk mal… und an alle anderen.

Wir werden laut darüber diskutieren, warum das geschah.

So etwas darf nie wieder möglich sein!

Welche Denkmäler erinnern an unsere eigene Freiheit?

Alte Soldaten?

Namen auf Stein?

Steinnamen. namenlose…

Licht.

Lichtstadt.

Kristallisationspunkt (hier treffen wir uns jetzt, das habe ich aus deinem Protokoll).

… (ich habe da schon was vorbereitet… Fortsetzung folgt).

Wir lieben Jena!!!

Wir machten ein Versprechen
Wir schworen, wir werden uns immer daran erinnern
Kein Zurück Baby, keine Kapitulation (Bruce Spingsteen)

http://www.jenapolis.de/2016/11/08/initiative-bekraeftigt-wir-wollen-neonazis-nie-in-unserer-stadt/

Veranstaltungsübersicht zum 9. November 2016 in Jena. Und ein Brief an D. Köckert.

Lieber David Köckert,

(ich mag Ihren Vornamen wirklich, auch wenn wir beide wissen, dass Leute mit diesem Namen zwischen 1933 und 1945 nichts zu lachen hatten).

Ich möchte mich herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie uns, die Einwohner Jenas, auf die Bedeutung des „9. November“ als historisches Datum, als „Schicksalstag“ der deutschen Geschichte, aufmerksam machen.

Ich verstehe das auch nicht, dass so viele Ihre Demo einfach verbieten lassen wollen. Die wollen tatsächlich von sich aus unsere Demokratie beschneiden, nur weil Sie und Thügida ein bisschen provozieren.

Wir beide sind uns einig darüber, dass seit 1990 viel zu wenig darüber geredet wurde, was Freiheit und Demokratie bedeuten. Ihre Demoankündigung für diesen Tag in Jena hat jetzt aber endlich dazu geführt, dass unterschiedlichste Vereine, Initiativen und Einzelpersonen ein Programm anbieten, das es in dieser Form so noch nicht gab und ohne Ihre „kleinen Provokationen“ so sicherlich auch nicht gegeben hätte. Das finde ich klasse. Danke, dass Sie die Menschen daran erinnern, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Schöne Freiheit!

Für Ihre nächsten geplanten Demotermine im kommenden Jahr sollten wir uns im Vorfeld besser und früher absprechen. Gerade die Verwaltung und kulturelle Vereine haben viel längere Planungszeiten als Sie und ich.

Wie wäre der 17. Juni 2017? Das wäre doch ein Datum, an das Sie anknüpfen könnten? Wir Geisteswissenschaftler und Kulturschaffenden hätten dann schon die Veranstaltungen konzipiert für die große Mehrheit der Bevölkerung in dieser Stadt, die interessiert daran ist, sich mit den von Ihnen ausgewählten Daten und Themen zu beschäftigen.

Oder wir gestalten gemeinsam einen Themenabend: „Warum enden korrekte Sätze immer nur mit einem Satzzeichen?“

„Durch Einigkeit zu Recht und Freiheit: Für eine echte politische Wende!!!“

Wow, das ist fast Poesie!!!

Wir beide sind Leute, die viele Ausrufezeichen brauchen. Zwei, drei … egal, auch wenn bereits das Rechtschreibprogramm uns darauf aufmerksam macht, dass es falsch ist.

Wollen wir auch im neuen Jahr wieder „Guter Bulle-böser Bulle“ spielen? Sie provozieren und wir Geistes- und Sozialwissenschaftler bieten die Formate historisch-politischer Bildung an, die vorher kaum nachgefragt waren? Gute Idee?

Klar, manchmal nervt das alles. Aber wenn es zu blöd wird, ziehen wir beide zu Lutz Bachmann nach Teneriffa und amüsieren uns über diese Deutschen und ihre komische(n) Geschichte(n).

Also: ich bin dafür, dass Sie am 9.11. in Jena demonstrieren, da auch Randgruppen wie Ihnen und ihren Kumpels das Recht gegeben werden muss, sich zu artikulieren. Ich mag es auch nicht, wenn Putin in Russland Homosexuellen dieses Recht verweigert. Als vom Aussterben bedrohte Randgruppe sollen auch Sie das Recht haben, 2-3 mal im Jahr friedlich in Jena demonstrieren zu dürfen.

Was halten Sie von meiner Idee, den Bewohnern des Damenviertels im nächsten Jahr den „Preis für Zivilcourage“ zu verleihen? Ich meine, die armen Anwohner müssen am meisten darunter leiden, dass wir unsere demokratischen Errungenschaften voll ausleben können.

Ich habe Ihnen zwar dieses tolle Programmheft mitgeschickt, damit Sie sehen, welche positiven Dinge durch Thügida überhaupt erst möglich werden. Leider muss ich aber darauf hinweisen, dass Personen und Organisationen, die der rechtsextremen Szene angehören, von den Veranstaltungen ausgeschlossen sind.

Trotzdem bin ich gespannt auf unsere, Ihre und meine, kommenden Projekte zur Revitalisierung der von uns beiden so geliebten Demokratie.

Viele Grüße und bis Mittwoch in Jena.

Ihre Bertha Kessel

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veranstaltungsuebersicht

Lieber B.

Lieber B.,
es waren in meinen weitschweifigen Ausführungen schon ein paar konkrete Handlungsempfehlungen, die ich leider immer zu gut verstecke:
1. ich persönlich fände es sehr schön und hilfreich, wenn die Philharmonie an diesem Tag mal nicht ihren Romantik-Quatsch spielt, sondern einen bestimmten Programmpunkt wiederholt.
Wäre ein tolles Zeichen der hoch subventionierten Jenaer Kultur.
Wenn dann noch ein paar Freikarten für Jenaer Schüler und Verbände für Behinderte/psychisch Kranke rausspringen (die in der Jenaer Geschichte meistens als erste unter die Räder kamen), wäre das noch besser. Und würde endlich wieder, so richtig „schillermäßig“, Kultur und Bildung verbinden.
2. Was macht die „Rosenthal Villa“ am 9. November? Oder am 11.11.2016? An diesem Tag ist es 75 Jahre her, dass Clara Rosenthal in den Tod getrieben wurde.
Wem gehört dieses Haus und wieso? Ich weiß es, aber viele andere nicht. Ich habe recherchiert, dass Herr Laudin sich sehr mit diesem Thema auskennt. Unser Stadthistoriker R. Stutz, ein guter Freund von mir, hat auf mein Bitten hin dafür gesorgt, dass Herr Laudien auf einer Veranstaltung der Stadt auf dem Marktplatz etwas über Clara Rosenthal und die Geschichte, wie diese Stadt mit ihr umgegangen ist, erzählt. Das ist eigentlich als Harz-4 Empfänger nicht meine Aufgabe, sondern die von JenaKultur. Mache ich aber gern. Und die „Clara Rosenthal Straße“ fehlt. Nur ihr Mann hat eine bekommen.
3. Die Initiative „Kinderfreundliche Stadt e.V.“ macht glücklicherweise am 9.11. eine Veranstaltung. Sie werden auch in der Broschüre, die das ThürAZ mit einem Vorwort von mir herausgibt, beworben. Die Aufgabe einer „Koordinierungsstelle“, die es in Jena eigentlich schon gibt, übernehme ich also gerade freiberuflich.
Ich habe ein paar Dinge erreicht, ein paar andere Ideen, die du dem angehängten Protokoll einer Sitzung des ThürAZ entnehmen kannst, sind wahrscheinlich nicht so einfach umzusetzen.
4. bereits 2014 schrieb Bertha Kessel (ein Pseudonym, mit dem ich schon viel Spaß hatte, hat Fallada, ein Jenaer Psychatrie-Vorfahre, auch so gemacht :-):
„Geistes- und Sozialwissenschaftler in Jena sind in der Lage, die Genese und Wirkung des Konzepts „Nation“, die Entstehung von Ideologien, die Pervertierung der Nation als Gemeinschaft von „Volk und Rasse“, die zwei deutschen Nationen nebeneinander, zu beschreiben und daraus Schlüsse zu ziehen bzw. die Erkenntnisse der Politik und Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.“
Naja, das Geld ging dann in die Romantik und das Novalisfest, wie du ja weißt. Wenn Köckert dann diese Leerstelle besetzt und im Damenviertel solche Dinge wie untenstehendes sagt, und ich hier als arbeitsloser Geisteswissenschaftler sitze, fühle ich mich persönlich herausgefordert:
„Denn wir werden uns nicht mehr verstecken, nicht mehr verkriechen, weil es nicht unsere Art ist, uns so zu verkaufen, wie es diese ganzen Geisteswissenschaftler tun, die wir hier in Jena immer wieder erleben.“
Hier haben Schiller, Goethe und die zwei Humboldt-Brüder in einem Garten gesessen und über dieses kommende „Deutschland“, das es noch nicht gab, nachgedacht. Das könnten wir jetzt auch wieder machen. Jedesmal, wenn David Köckert eine Demo anmeldet. Leider habe ich die Marketing-Stelle, für die ich als Schwerbehinderter zum Vorstellungsgespräch eingeladen war, nicht bekommen. Da wäre mein Handlungsspielraum größer gewesen 🙂
Alte Foren wie der „Runde Tisch für Demokratie“, die versch. Netzwerke, Bündnisse, Koordinierungsstellen und Linken-Parteiversammlungen zum Thema „Wir sind das Volk“, die nur auf 38 hinweisen wollen und 89 vergessen, funktionieren jetzt nicht mehr.
lg
P.S. eine gute Projektidee für Kinder habe ich auch. Aber ich weiß jetzt, wen ich ansprechen muss (und wen nicht).

9. November 2016 in Jena. Zeit für einen „Tag des Erinnerns“.

„Kein Fußbreit den Faschisten“ war in den 90er Jahren auch meine Grundüberzeugung. 2016 ist die Welt viel komplizierter geworden. Deshalb wird auch die Auseinandersetzung darüber, in welcher Welt wir eigentlich leben wollen, anders zu führen sein, als damals, als Ralf Wohlleben einen doof angrinste, wenn man, getrennt durch einen Bauzaun, vor seinem „Fest der Völker“ demonstrierte.

Ich werde mich jetzt in die Bibliothek setzen und nachschauen, mit welcher Summe die „Carl Zeiss Stiftung“ in den 30er Jahren Karl Astel förderte, damit der die statistische „rassenhygienische“ Erfassung der Gesamtbevölkerung von Thüringen nach verschiedenen Kriterien (u.a. Berufszugehörigkeit, beschuldigte Verbrechen, sexuelle Orientierung, Krankheiten etc.) verwirklichen und erbbiologischen, bevölkerungs- und rassenpolitischen Gesetzen und Maßnahmen eine wissenschaftliche Grundlage verleihen konnte.

Diejenigen, denen das das Leben gekostet hat, sind im Totenbuch der Stadt Jena aufgeführt.

Die Carl Zeiss Stiftung hat ziemlich viel Geld. Wenn wir am Samstag den „Carl Zeiss Tag“ feiern, frage ich mal nach, was das alles kostet.

Bei der evangelischen Landeskirche Thüringen werde ich mal anklopfen, ob noch ein paar Gelder aus dem Etat für das Reformationsjubiläum 2017 übrig sind.

Der evangelische Landesbischof von Thüringen, Martin Sasse sah in den Pogromen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 eine Erfüllung von Martin Luthers Forderungen von 1543:

„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird […] die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.]

Und liebe Stadt Jena, lieber Herr Dr. Vogel,

euer Gedenkkonzept ist ein Witz. Der wirtschaftliche Schaden, eine geschichtsvergessene Bevölkerung zu haben, ist viel höher, als euch bewusst ist.

Aber ihr müsst euch vor dem 9. November 2016 nicht fürchten. Wir werden in Jena einen „Tag des Erinnerns“ auf die Beine stellen. Kann man nicht finanzieren? Doch, kann man. Wir brauchen Geld. Viel Geld. Das kriegen wir aber zusammen. Der Etat für den „Carl Zeiss Tag“ ist ja auch zusammen gekommen.

Auch der „Tag des Erinnerns“ ist Stadtmarketing. Tut ein bisschen weh. Bringt aber auch aus wirtschaftlicher Sicht auf lange Sicht mehr, als der Quatsch, vor jedem Nazi-Geburtstag Angst zu haben. Die „braunen Spuren“ werden wir sowieso nie mehr los. Also setzen wir uns damit auseinander.

Demonstrationen am 9.11. verbieten? Finde ich blöd. Meine Eltern und viele andere haben ja 1989 auch nicht gefragt, ob sie demonstrieren dürfen. Zum Glück haben sich die Alten ihre Demos auch nicht verbieten lassen.

Aber ich wünsche mir, dass sich diejenigen, die 1989 für Meinungs- und Demonstrationsfreiheit eingesetzt haben, am 9.11.2016 mit Kindern und Jugendlichen, mit Fremden und Bekannten zusammensetzen und darüber diskutieren, wie das damals gemeint war mit dem Slogan „Wir sind das Volk“, den Thügida heute als Parole benutzt. Warum habt ihr euch das eigentlich nicht schützen/patentieren lassen?

Am 9.11.2016 nehmen wir uns die Zeit, über den Holocaust zu sprechen. Ein junger syrischer Mann, der eine Weile bei meiner Mutter wohnte, hat das in der Schule nämlich ganz anders gelernt. Also werden wir über „industriellen Massenmord“ reden, der auch ganz in der Nähe durchgeführt wurde.

Und finanzieren wird uns das alles David Köckert. Der hat wie ich so einen schönen jüdischen Vornamen. Und für jeden Meter, den er mit seinem Fischauto in Jena vorwärts kommt, werden Institutionen,  die 1938 dabei waren, 100 Euro in einen Fond einbezahlen. Ich möchte, dass David Köckert im November mindestens 500 Meter marschieren darf, denn ich brauche für den Anfang 50.000 Euro von euch. Das ist nichts gegenüber dem Wirtschafts- und Imageschaden, der bisher angelaufen ist. Und das ist auch nichts im Vergleich zu dem, was Stadt und Firmen in Jena ansonsten für Marketing ausgeben (Romantik! 😉).

Und umso öfter und weiter David Köckert mit seinem Fischauto in Jena unterwegs ist, umso bessere Projekte gegen Fremdenhass, Antisemitismus und Ausgrenzungen werden all die verschiedenen Initiativen, die es in Jena gibt, auf die Beine stellen. Ich vermute, der NPD-Köckert wird sich das genau überlegen, wenn er merkt, welche positiven Impulse der damit in dieser Stadt ermöglicht.

Lasst endlich mal die Profis ran. Beim Eichplatz habt ihr es ja auch irgendwann eingesehen. Dann werden in der Zeitung und im Internet Berichte über wichtige Dinge im Zusammenhang mit Jena stehen. Nicht über ein Nazi-Fischauto, das in der Lichstadt unterwegs ist.

Jede Generation muss sich neu über ihre Werte und ihr Verständnis von Demokratie auseinandersetzen. Jetzt sind wir dran.

behindert reisen.

Man kann nur mit dem arbeiten, was da ist. Irgendwann, als es mir schlecht ging, habe ich beschlossen, aus dem ganzen Mist das beste herauszuholen, sozusagen aus der Sch… Gold zu machen.

„Auch aus Steinen, die einem im Weg liegen, kann man etwas Schönes bauen“, haben die Fans der positiven Psychologie immer in der psychiatrischen Tagesklinik gelogen. Aber jetzt mal ehrlich? Welche Vorteile hat es für jemanden, als „behindert“ eingestuft zu werden?

Naja, die Jobsuche wird nicht lustig. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Ich hatte irgendwann in einem Gespräch meiner Neurologin gesagt, dass ich am liebsten den ganzen Tag mit einer Begleitperson unterwegs sein würde in ganz Deutschland. Dafür brauche ich aber einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkzeichen G und B. Mit dem muss man einmal im Jahr 80 Euro bezahlen und kann dafür zu zweit überall den Nahverkehr nutzen (falls nur Hartz IV oder Grundsicherung zur Verfügung steht, bekommt man die Wertmarke geschenkt). Jeder „Normalo“, der ein Monatsabo des Verkehrsbetriebs seiner Wahl bezahlt, weiss, wie teuer das eigentlich ist.

Vor 15 Jahren waren wir „MS-Heinis“ alle automatisch nach Diagnosestellung „schwerbehindert“ und ganz, ganz schwer krank. Aber es gab eben auch immer solche Nasen wie mich, die noch ganz gesund aussahen. Und schließlich haben auch im Bereich, in dem geregelt wird, welche Menschen in unserer Gesellschaft welche „Nachteilsausgleiche“ bekommen, die „Controller“ gewütet, um Einsparungen zu erzielen (zu dieser Gruppe von Menschen ein anderes Mal). Das Merkzeichen „aG“, außergewöhnliche Gehbehinderung und damit diesen tollen Pappaufsteller, mit dem auf Behindertenparkplätzen geparkt werden darf, bekommt nur, wem beide Beine fehlen. Nicht nur eins.

MS-Patienten haben manchmal sog. „Schübe“, in denen sie auf Hilfe angewiesen sind. Ob die Beeinträchtigungen bleiben, kann keiner vorhersagen. Manchmal verschwinden die Folgen wieder vollständig, meistens bleiben aber ein paar Reste des Krankheitsschubs als Erinnerung. Ich z.B. hatte nun schon dreimal eine Sehnerventzündung auf dem linken Auge. Die Folge ist, dass ich links einen leichten „Gesichtsfeldausfall“ habe und mir abends das linke Auge weh tut, wenn ich lange am Bildschirm sitze.

Und so häufen sich also die Behinderungen und der Krieg mit der Verwaltung (die ich mittlerweile ja auch ganz gut kenne).

Also: wenn du nun nach zwei Jahren ´Widersprüche schreiben` vor dem Gutachter in Bayreuth stehst, dann hör auf, den Helden zu spielen, der immer alles allein kann. Du hast genug Robert de Niro-Filme gesehen und weißt, wie sich deine Mitpatienten bewegen.

Da stand ich also mit meinem geborgten Oma-Rollator von H., die ihn nicht mehr braucht, weil sie jetzt fest im Rolli sitzt. Und meinem Kumpel, der mich begleitet (meine Freundinnen haben mich immer verlassen, heul heul, das versteht der Gutachter sofort).

Der Gutachter fragt mich, was ich denn gegen diese Stadt in Mitteldeutschland habe. Natürlich gar nichts. Ich fühle mich sehr wohl in diesem geförderten Arbeitsverhältnis, in dem ich mit keinem Menschen etwas zu tun haben muss. Aber ich benötige diesen Nachteilausgleich, einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkzeichen G und B. Wenn ich den hätte, dann kann meine Begleitperson mich zu meiner Arbeitsstelle bringen. Da sitze ich an einem Schreibtisch und denke und schreibe.  Zum Mittag holt mich immer jemand zum Essen ab (naja es war eher selten).

Und nun habe ich diesen „Interrailausweis für immer und für ganz Deutschland“, gültig für zwei Personen. Auf geht’s in dieser neuen Kategorie „behindert reisen“.

Bilder der Woche (Farbe auf Holz)

Bilder, die ich diese Woche gemalt habe:

Update Anfang August 2016: Die Einnahme verschiedener Neuroleptika führte zu einem sehr interessanten Rausch, Bilder zu malen. Ein Tag, an dem man kein Bild gemalt hat, ist ein verlorener Tag, war meine Grundüberzeugung. Dieser Rausch, die verbliebene Zeit sinnvoll zu nutzen, ist leider seit der Absetzung der Tabletten verschwunden.

„Mädchen 2005“ Acryl/Holz (liegt vergessen auf einem Dachboden)
Mädchen

„Deutschland im Dezember“ (2014)

Junge

Rassenhygiene. In Jena sollte der „neue Mensch“ gezüchtet werden

In Jena war bereits seit 1930, mit der Berufung des sog. „Rasse-Günthers“ das Zentrum der Rassenforschung und der Rassenhygiene. Heute will nichts mehr daran erinnern.

Das Landesamt für Rassewesen in Weimar wurde von der Thüringer Landesregierung am 15. Juli 1933 – nur einen Tag nach der Bekanntgabe des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ – im Einvernehmen mit der Reichsregierung eingerichtet. Das Amt unterstand als selbstständige Behörde dem Innen- und Volksbildungsminister und hatte Zugriff auf die Daten des staatlichen Gesundheits- und Wohlfahrtswesens. Zum Präsidenten wurde der nicht habilitierte Mediziner und spätere Rektor der FSU Karl Astel berufen.

Astel, Friedrich Wilhelm Karl, Mediziner, Rassenhygieniker, Rektor der FSU. * 26.02.1898 Schweinfurt, † 4.04.1945 Jena.

Astel, Friedrich Wilhelm Karl, Mediziner, Rassenhygieniker, Rektor der FSU. * 26.02.1898 Schweinfurt, † 4.04.1945 Jena.

Innerhalb erbbiologischer, kriminalbiologischer und psychiatrischer Abteilungen waren bis zu 52 Mitarbeiter in Weimar mit der statistischen „rassenhygienischen“ Erfassung der Gesamtbevölkerung von Thüringen nach verschiedenen Kriterien (u.a. Berufszugehörigkeit, beschuldigte Verbrechen, sexuelle Orientierung, Krankheiten etc.) beschäftigt. Organisiert wurden u.a. Fortbildungskurse für Ärzte, Juristen, Polizeibeamte und Lehrer in Egendorf bei Blankenhain zu den Themen Rassekunde und Eugenik (Erbgesundheitslehre). Gutachten des Amtes führten zu Sterilisierungen von als „erbkrank“ stigmatisierten Menschen. Eine von K. Astel entwickelte „Sippschaftstafel“ sollte die Bevölkerung in „Arier“ und „Nicht-Arier“ einzustufen.

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Das Amt unterhielt eine Außenstelle in Jena. Die Abteilung „Lehre und Forschung“ sollte den erbbiologischen, bevölkerungs- und rassenpolitischen Gesetzen und Maßnahmen eine wissenschaftliche Grundlage verleihen. Dazu kooperierte das Landesamt mit der von der Universität Jena in der Kahlaischen Straße untergebrachten „Anstalt für menschliche Züchtungslehre und Vererbungsforschung“, ab 1935 „Institut für Erbforschung und Rassenpolitik“, an dem Astel eine Professur erhielt.

In dieser Stadt lebten die Vordenker, die mit einer kruden Pseudowissenschaft die Erkenntnisse Ernst Haeckels missbrauchten. Anstatt sich diesem Erbe zu stellen, feiert Jena ein „romantisches Jahr“. Das neue Max Planck-Institut in Jena fragt die Historiker in der FAZ an, was sie sich denn von der Genetic History erhoffen Wir können euch die vier Fortpflanzungsstudien über 22.000 Bauern, 12.000 Beamte und Angestellte sowie 14.000 Handwerker vorlegen. Über die Kinderzahl von 29.000 politischen Leitern des Gaus sind wir bestens informiert. Das haben die Rassenfanatiker fein säuberlich gesammelt in Jena.

Darüber hinaus interessiere ich mich für Menschen in der Vergangenheit. Nicht für ihre Gene. „Die Thüringer hatten guten Grund, sich vor dem zu fürchten, was in Jena ausgedacht wurde.“ Hoßfeld, Uwe, Institute, Geld, Intrigen. Rassenwahn in Thüringen, 1930 bis 1945, Erfurt 2014, S. 150.

Zum Weiterlesen auch:
Stutz, Rüdiger u.a. Hg, „Im Dienst an Volk und Vaterland. Die Jenaer Universität in der NS-Zeit, Köln 2005, S. 85ff.
Hoßfeld, Uwe, Rassekunde und Rassenhygiene im „Mustergau“, 1930 – 1945 Blätter zur Landeskunde 2004.

Bertha K. über: Katrin Pöhnert: Hofhandwerker in Weimar und Jena (1770-1830)

Bertha K. über:
Katrin Pöhnert: Hofhandwerker in Weimar und Jena (1770-1830). Ein privilegierter Stand zwischen Hof und Stadt. Jena 2014, 49,90 €, ISBN: 978-3-9815368-4-3

Innerhalb des SfB 482 „Ereignis Weimar-Jena“ wurde erstmals über die Herkunft und das Leben der Hofhandwerker beider Städte geforscht. Nun ist als Ergebnis ein über 400 Seiten dickes Buch erschienen, das ich hier vorstellen darf und das neue Einsichten in die Hof-, Stadt- und Zunftgeschichte erlaubt.

Durch die Voranstellung „Hof“ grenzte sich diese Gruppe von einfachen Handwerkern ab. Das hatte weitreichende Konsequenzen nicht nur im sozialen Ansehen (die Werbung der ehemaligen Hofhandwerker zieht bis heute in Bayern), sondern auch im Rechtskreis, in dem sie sich bewegten. Um 1800 gab es keine soziale Gleichheit, wie sie heute angestrebt wird. Für Universitätsangehörige war etwa ein anderes Gericht zuständig, als für einen Bürger der Stadt.

Diese Gruppe, über die Pöhnert schreibt, schwebte zwischen diesen zwei Sphären. Immer wieder musste in Konfliktfällen geklärt werden, wer denn nun diese Hofhandwerker seien. Sie gehörten eben nicht zweifelsfrei zum „Hof“ oder zur Stadt (in Jena kam es darauf an, ob der Handwerker Unterricht erteilte).

Der Hofmechaniker Georg Christoph Schmidt hatte die Aufgabe, den Studenten Unterricht in praktischer Mechanik zu gewähren. Dafür war ihm von Anna Amalia ein festes Gehalt von 100 Talern versprochen worden. Er bekam aber nur 50 Taler. Schmidt bat, wie zu dieser Zeit üblich, seine Studenten zur Kasse. Daneben fing er an, Bücher zu illustrieren und Professoren und Regenten zu porträtieren. Pöhnert legt zwar immer wieder Wert auf die ständische Zugehörigkeit der Hofhandwerker in Weimar und Jena (d.h. der Handwerksberuf wird innerhalb der Familie vererbt). Sie verkennt jedoch, dass es sich bei Hofmechanikern und Hofdruckern (trotz eindeutiger Zuordnung zum Stand der Handwerker) an der Universität im Gegensatz zu den Handwerkern der Stadt um Künstler handelte. Diese waren, wie sie zu Recht bemerkt, sozial viel ungebundener, als die städtischen Handwerker.

Der Hofmechaniker Georg Christoph Schmidt war ein Künstler, so wie Schiller gleichzeitig Dichter und Historiker war. Vom Multitalent Goethe wollen wir hier gar nicht anfangen. Der im Zuge der Gründung des physikalischen-mechanischen Instituts eingestellte Mechaniker Franz Joseph Alexander Otteny etwa erhielt zunächst kein Gehalt. Die Prioritäten an der Universität waren zu der Zeit, in der Schiller noch nicht Namensgeber, sondern Lehrender war, andere. Erst nach dem Tod Georg Schmidts 1811 erhielt Otteny dessen Gehalt von 50 Talern im Jahr.

Die Geisteswissenschaft in Jena, die um 1800 zu Höhenflügen aufgebrochen war, brauchte Handwerker wie Schmidt, die, wie man an der Abbildung der Scheibenelektrisiermaschine sieht, handwerkliche Begabung mit unbändiger Fantasie verbinden konnten.
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Abbildung der Scheibenelektrisiermaschine von Georg Christoph Schmidt. Aus: Georg Christoph Schmidt: Beschreibung einer Elektrisir-Maschine, Jena 1773.

Die Hofhandwerker innerhalb der Stadt vererbten ihre berufliche Stellung immer wieder an die Söhne, wie Pöhnert deutlich belegt. So entwickeln sich bestimmte Handwerkerdynastien über Jahrzehnte im Auftrag der Stadt immer weiter. Die Stellen werden an die Söhne vererbt. Böse Zungen behaupten, dass das bis heute bei KSJ so sei. Wer sich für die Geschichte der Städte Jena und Weimar interessiert, erfährt in diesem Buch mehr darüber, als innerhalb eines ganzen offiziellen romantischen Jahres.

Bertha K. und die Toiletten in Jena (Teil 2)

Wir fangen jetzt damit an, unsere Stadt schöner zu machen. Die erste Kunsttoilette Deutschlands entsteht in….

In der Stadt Jena herrscht ein erbitterter Disput darüber, wie in den nächsten Jahrzehnten das Bild der Innenstadt aussehen soll. Aber kaum jemand nimmt wahr, wie Besucher, die nicht geringe Parkgebühren bezahlen und dann in unserer Stadt Geld ausgeben sollen, seit langem begrüßt werden.

Klo

„Diese Toilette ist geschlossen!“ steht dort mit einem Gruß des Kommunalservice Jena, dessen Mitarbeiter die Toilette jedoch selbstverständlich nutzen. Natürlich gibt es eine Luxustoilette auf dem Marktplatz, die 50 Cent Eintritt kostet. Aber das ist dem Besucher, der nach einer langen Fahrt dringend auf´s Klo muss, nicht bekannt. Menschen mit Mobilitätseinschränkungen nützt dieser Nachbau einer Pariser Metro-Station sowieso nichts.

Waren sie schon mal mit Kindern in der Innenstadt unterwegs? Wie oft muss ein Kind auf Toilette? Riecht es in vielen Bereichen in der Innenstadt unangenehm nach Urin? Gerade an den sogenannten „Rattenrabatten“?

Institute und Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek beklagen sich, zur öffentlichen Toilette für die Reisebusgesellschaften, die man auf der ITB wieder werben will, zu werden.

Hier ist die Idee von Bertha Kessel und ihrem Think-Tank: die erste „Kunsttoilette“ Deutschlands.

Für unsere Vision einer lebenswerten Innenstadt wollen wir mit einer „Jenaer Kunsttoilette“ (JKT) bei freiem Eintritt werben. „Pecunia non olet“ („Geld stinkt nicht“), die lateinische Redewendung, die auf den römischen Kaiser Vespasian zurück geht, hatte schließlich mit der römischen Toilettensteuer zu tun. Wir haben da ein „Herz der Stadt“, für andere ein „Filetstück“, wenn es um den materiellen Wert eines Quadratmeters geht. In Jena gibt es mehrmals im Jahr Veranstaltungen wie das Altstadtfest, den Frühlingsmarkt und und und. Es besteht also ein riesiger Bedarf eines stillen Örtchens.

Ebenso besteht bei vielen Menschen ein riesiger Bedarf, sich 100 Euro im Monat hinzuverdienen zu können. Der stadteigene Betrieb Jenarbeit hätte an diesem Ort die Möglichkeit, professionelle Schulungen im Facility Management und im Bereich Security, den großen „Boombranchen“ im Niedriglohnsektor, anzubieten.

In einem ersten Schritt wird ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Die Bürgschaft wird gemeinsam darüber entscheiden, wie das kleine Häuschen von außen gestaltet werden soll. So üben wir gemeinsam, wie ein Dialog über Architektur aussehen könnte. Dem Sieger winkt die Ehre, als erster nach Jahrzehnten sein Modell auf dem Eichplatz realisiert zu sehen.

In den Toilettenräumen sind Monitore mit Stadtplänen und Tipps für einen Innenstadtbummel angebracht. Diese Informationen werden dort mehr Menschen erreichen, als die Jena Tourist-Information (natürlich können auch die Werbebotschaften der Sponsoren eingeblendet werden).

Die erste Kunsttoilette Deutschlands wird das verbindende Element sein im Carré zwischen Nonnenplan, Kollegiengasse, Weigelstraße und Johannisstraße. Die Straßen werden zu Flaniermeilen. Wechselnde Ausstellungen junger KünstlerInnen aus Mitteldeutschland machen den Toilettengang für Arm und Reich zu einem Kunsterlebnis.

OKJ wird einmal im Monat live die Sendereihe „Jenaer Toilettengespräche“ ausstrahlen, in die städtischen Honoratioren, Politiker, Künstler… Rede und Antwort stehen.

Natürlich wird die „Jenaer Kunsttoilette“ nur eine Zwischenlösung, eine temporäre Aktion sein, um an einem kleinen Projekt den großen Dialog einer lebenswerten Innenstadt wieder in Gang zu bringen. Berlin, Hannover und Köln haben ihren WC-Bestand komplett privatisiert. Die Stadt Jena wünscht sich ein echtes Alleinstellungsmerkmal?

Hier könntet ihr eins haben, das allen nützt, egal ob jung oder alt, Mann oder Frau. Die Toilette funktioniert. Der Verkäufer im Dönerladen hat einen Schlüssel. Für eine luxuriöse Innenausstattung werden wir Sponsoren finden („denn das Klo, zu dem er kroch, war von Villeroy und B…)

Im Frühjahr wollen wir damit beginnen, die Innenstadt für uns alle ein kleines Stück lebenswerter und interessanter zu machen.

Eure Bertha Kessel

Etwas besseres als den Tod…

‚Ei was, du Rothkopf,‘ sagte der Esel, ‚zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musicieren, so muß es eine Art haben.‘ Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle viere zusammen fort.“ aus „Die Bremer Stadtmusikanten“ (1850)
Vogelgrippe

(Bertha Kessel, „Vogelgrippe reloaded“ Mittwoch, 26.11.2014)

„Jena romantisch“ 2015. Ein schlechtes Märchen?

Wo sind die Ergebnisse des SFB 482 ´Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800`? Das Themenjahr „Jena romantisch“ 2015 als schlechte Märcheninszenierung (von Bertha Kessel)

„Das Licht wird nur der Mittelpunkt, von dem
aus ich mich in mancherlei Richtung zerstreue.“
Novalis an Fr. Schlegel im Dez. 1797.

Die ehemalige ABM-Kraft und spätere Werkleiterin des Eigenbetriebs JenaKultur Dr. Margret Franz plant seit geraumer Zeit das Themenjahr „Romantik – Licht – Unendlichkeit“. Obwohl im Ruhestand, braucht sie für das Vorhaben 250.000 Euro, damit im gesamten Jahr 2015 Jenaer, Jenenser sowie Gäste der Stadt Jena vom Romantischen fasziniert werden. Es geht um „die Vermarktung der Jenaer Frühromantik“, darum, eine „eine eigene Marke [zu] kreieren und damit nachhaltig [zu] wirken.“ Jena will das geplante Themenjahr 2015 auf der ITB Berlin präsentieren und versucht, die Jenaer Frühromantik als Alleinstellungsmerkmal fürs Stadtmarketing nutzbar zu machen. Man wolle jährlich ein Novalis-Fest veranstalten. Schließlich habe die Romantik vor 200 Jahren ihren Ursprung in Jena genommen.

Um die finanzstarke Optik-Wissenschaft und Industrie einzubinden, weitere Fördergelder einzuwerben und das Label „Lichtstadt Jena“ mit Inhalten zu füllen, werden die Themen „Licht“ und „Unendlichkeit“ mit ins Programm eingebunden. Eine große Wissenschaftsshow, veranstaltet vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im September 2015 mit Ranga Yogeshwar (laut einer Agentur beträgt seine Gage für eine Moderation ca. 15.000 Euro), soll das Themenjahr „Romantik“ abrunden.

Darf man Novalis (Friedrich von Hardenberg), von dem zwar auch ein „Traktat vom Licht“ als Fragment überliefert ist,
der jedoch vor allem als Autor der „Hymnen an die Nacht“ bekannt ist, als Botschafter des „Lichts“ missbrauchen? Kann Romantik als Marke etabliert werden, um damit Touristen anzuziehen?

Dieses Vorhaben ist letztes Jahr in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Bilder Caspar David Friedrichs hängen, gründlich schief gegangen. Museen, Tourismusverband und Landesmarketing starteten dort 2014 ebenfalls ein „Jahr der Romantik“. Deswegen kamen allerdings nur wenige Touristen.  Die landesweit angelegte Image- und Werbekampagne für die Romantik im Nordosten kostete viel, interessierte aber kaum jemanden.

In Jena, in dem das Stadtmarketing sich im nächsten Jahr auf die Frühromantik konzentrieren will, wurde die Zeit um 1800 in Zusammenarbeit von geistes-, kultur- und naturwissenschaftlichen Disziplinen jahrelang in einem Sonderforschungsbereich an der FSU untersucht. Ziel der Forschungen war „die Bestimmung der Gesamtkonstellation einer Überlagerung von Aufklärung, Klassik, Idealismus und Romantik.“ Eine faszinierende Überlagerung, die jetzt für PR-Zwecke wieder in griffige Einzelteile zerlegt werden soll (dies ist vor allem im Interesse der „Forschungsstelle Europäische Romantik Jena“ und der Anhänger der Anthroposophie, die in Novalis einen „Christusverkünder“ sehen).

Im Programm tauchen zwar ein paar bekannte Namen als Redner auf. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden offensichtlich nicht wahrgenommen und eingebunden. Die vom SFB 482 an der FSU geleistete präzise Beschreibung von Netzwerken und Diskussionszirkeln, den hier entstandenen Weltbildern, Weltdeutungen sowie Wissenschaften und Künsten taucht in der Programmplanung des Themenjahres nicht auf.

Was haben die Frühromantiker für das Stadtmarketing zu bieten? Die Stimmführerin der Frühromantik, Caroline Böhmer, beschrieb die damalige Kleinstadt Jena nach ihrer Ankunft spöttisch als „grundgelehrtes, aber doch recht lustiges Wirtshaus“. Später charakterisierte sie Jena ernüchternd als „kleine[s], vom Klatsch bestimmte[s] Mordsnest“.

Was sagte der „Dichter der Freiheit“ Friedrich Schiller, dessen Werk jahrzehntelang als „Ersatzrevolution für das liberale Bürgertum“ diente, über Jena? „Vielleicht war Jena, wie es vor 6, 8 Jahren noch war, die letzte lebendige Erscheinung ihrer Art, auf Jahrhunderte.“ (NA 32,63). Das schrieb Schiller 1803 an Wilhelm von Humboldt, der mit ihm gemeinsam in dieser Stadt gelebt hatte. Schiller meinte nicht Weimar, sondern Jena! Das war für ihn der Ort intellektueller Spannung, Verdichtung und philosophischer Höhenflüge. Jena ist die Stadt, in der Schiller in Auseinandersetzung mit Kant das Konzept der „Kulturnation“ entwickelte.

In Wenigenjena heiratete Schiller Lotte. Diese „Liebesgeschichte“ (in deren Mittelpunkt zunächst ein verarmter Dichter und zwei Schwestern aus Rudolstadt stehen) ist m.E. eine der spannendsten Liebesdramen der deutschen Geschichte. Die Trauung von Schiller und Lotte fand am 22. Februar 1790 in der Kirche Zu Wenigenjena statt. Hat schon jemand daran gedacht, Wenigenjena im Stadtmarketing zur Entwicklung touristischer Angebote (dort heiraten, wo Schiller und Lotte heirateten) auszubauen? Es wird ein Flyer für die ITB gebraucht? Warum wird Wenigenjena nicht als „Schillers Hochzeitseldorado“ vermarktet? „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten Liebe goldne Zeit!“

Um 1800, am Ende des „Alten Reiches“, findet vor Ort die Genese des neuen Konzepts der „Nation“ statt. Die „Lebenswelt“, in der diese „Idee“ einer kulturellen Nationsbildung entwickelt wurde, konnte in jahrzehntelanger Forschung genau beschrieben werden. „Ideen“ werden nicht im luftleeren Raum entwickelt. Man darf nicht vergessen, dass Schiller zunächst zum Dichter vieler kleiner „Nationen“ wurde (und innerhalb dieser Kleinstaaten war auch Schiller ein Flüchtling. Was für Anknüpfungspunkte zur aktuellen Diskussion um Flüchtlinge würde sich hier ergeben).

1815 taucht im Zusammenhang mit Jena erstmals der Dreiklang „Schwarz-Rot-Gold“ auf. 1842 ist dieses Lied vom Auszug der Jenaer Urburschenschaft bereits ein Volkslied. In den darauffolgenden Jahrhunderten wurde diese Stadt, in der maßgebliche Impulse für das Konzept der „Nation“ entwickelt wurden, immer wieder zum Brennpunkt „nationaler Entgleisungen“.

Geistes- und Sozialwissenschaftler in Jena sind in der Lage, die Genese und Wirkung des Konzepts „Nation“, die Entstehung von Ideologien, die Pervertierung der Nation als Gemeinschaft von „Volk und Rasse“, die zwei deutschen Nationen nebeneinander, zu beschreiben und daraus Schlüsse zu ziehen bzw. die Erkenntnisse der Politik und Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Nach 25 Jahren wird unisono eine historische Aufarbeitung gefordert. Schiller und die Nation. Ein wirklich vermintes Gelände. Und warum ist es das?

Jena ist und soll nicht als „nationaler Erinnerungsort“ inszeniert werden. Aber hier entstanden Utopien. Jena ist die „Stapelstadt des Wissens“, in der sich wissenschaftlich und kulturell mit den Formen des Erinnerns von Menschen in der Vergangenheit auseinandergesetzt wird. Eine kritische Untersuchung wird zeigen, dass einige Teile dieser Utopien in ihrer praktischen Umsetzung die erst neu entstehenden Ideologien möglich machen.

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Im Moment sehen die Menschen vom Stadtmuseum aus den Bismarckbrunnen und dahinter eine „Schwarz-Rot-Goldene“ Fahne. Gerade die Historiker aus Jena haben in vielen Arbeiten gezeigt, dass diese preußische Sichtweise von „Blut und Eisen“ Quatsch ist und der Begriff der „deutschen Nation“ sich, gerade im Umfeld Jenas, viel früher herausbildet.

Eine Gesellschaft darf nicht die Anziehungskraft ignorieren, die der Begriff „Deutschland“ auf viele Menschen ausübt. Eine kleine Ausstellung im Stadtmuseum reicht da nicht. Im Jahr 2015 feiern die Burschenschaften in Jena ihren 200. Geburtstag. Nationalisten und rückwärtsgewandte Gruppen werden versuchen, diesen Jahrestag auszunutzen. Während sich die Wissenschaft auf transnationale Projekte eingeschossen hat, feiern auf europäischer und Landesebene die Nationalisten einen Wahlerfolg nach dem anderen. Viele Menschen suchen ihren Halt in (im 19. Jahrhundert!) entstandenen nationalen Einheiten. Aber was heißt „Nation“? Die Antworten, über die eine Gesellschaft sich immer wieder neu verständigen muss, braucht eine empirische Basis.

Die Ergebnisse der verschiedenen Forschungsprojekte bieten der Stadt einen „Schatz“ an, der an aktuelle Diskurse anknüpft. Gerade am Beispiel Jenas kann über die Risiken und Nebenwirkungen und die Weiterentwicklung des Konzepts der „Nation“ nachgedacht werden. Lieber Finanz-, Kultur- oder „sonst was“ für Ausschüsse: lasst uns 2015 überall auf den Beeten blaue Kornblumen aussehen. Dann erklären wir fragenden Menschen, was es mit dieser „blauen Blume“ auf sich hat.

Die Jenaer Kultur- und Geisteswissenschaften haben aber viel mehr zu bieten, als ein „romantisches Jahr“. Nach Schiller war hier in dieser Stadt zeitweiße das „intellektuelle Zentrum“ der Welt.

„Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden…“, führen Goethe und Schiller 1797 in den Xenien aus. Und nun haben wir einen Bismarckbrunnen, sind 2014 Fußballweltmeister und stehen vor der Herausforderung, ganz verschiedene Kulturen unter dem Dach „Deutschland“ zu integrieren. Liebe Kunst, liebe Wissenschaft, lasst uns da mal genauer hinschauen, was das Konzept der „Nation“ aktuell taugt. Friedrich Schillers Traum war, Wissenschaft, Kunst und Kultur zu vereinen. Stellt die Mittel von Jenakultur dafür zur Verfügung. Das wäre doch ein lohnendes Label. Nicht „nationaler Erinnerungsort“ sein; aber Jena ist die Stadt, in der sich besonders und kritisch damit beschäftigt werden muss.

Eine ältere These geht davon aus, dass Novalis sich bei der Pflege Friedrich Schillers mit Tuberkulose angesteckt habe. Derjenige, der im Stadtmarketing eigentlich an erster Stelle stehen sollte (Schiller), gibt evtl. dem heutzutage bekanntesten Vertreter der Jenaer Frühromantik Novalis den Rest? Eine interessante Erkenntnis.

Bertha K. und die Toiletten in Jena (Teil1)

Bertha K. und die Toiletten in Jena (Teil 1)

Die Stadt Jena hat die schönste Bahnhofstoilette!

Wusstet ihr das noch nicht? Jena ist mittlerweile überregional dafür bekannt, seit Jahren an Bahnhöfen keine Toilette zu haben. Die Deutsche Bahn AG hat sich aber in mehreren gerichtlichen Streitprozessen bestätigen lassen, dass sie an Bahnhöfen keine Toiletten anbieten muss. In denjenigen Kommunen, in denen das wirtschaftlich rentabel ist, haben private Anbieter das Betreiben von Sanitäranlagen übernommen. Berlin, Hannover und Köln haben ihren WC-Bestand komplett privatisiert. Es hat also fast unbemerkt eine Kommerzialisierung des Grundrechtes, eine Toilette benutzen zu dürfen, stattgefunden.

Viele Kommunen, nicht nur Jena, haben das Betreiben öffentlicher Toiletten als „freiwillige Leistung der Stadt“ weitgehend aus ihrem Haushalt herausgestrichen (anders ist es, wenn eine bestimmte Summe an Fördermitteln verbaut werden muss, wie das Beispiel der Toilettenanlage im „Paradies“ zeigt).

Keine Bahnhofstoilette in Jena? Das stimmt nicht! Im Jenaer Untergrund hat sich, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, ungeheuerliches getan. Direkt neben dem Bismarckbrunnen auf dem Jenaer Marktplatz, mitten unter dem „Filetstück“ der Stadt, betreibt der Kommunalservice Jena (KSJ) eine videoüberwachte, sehr gut gepflegte „Luxussanitäranlage“. Diese ist zwar für ältere und gehbehinderte Menschen wegen der vielen Treppenstufen kaum zu erreichen (außer ein wenig vertrauenswürdiger und oft funktionsloser Lastenfahrstuhl fährt in einer Zeit, in der man sich schon in die Hose gemacht hat, hinunter). Ist der Besucher heil unten angekommen, sind 50 Cent in kleinen Münzen fällig.

Toiletteeingang

Im Innenbereich der Sanitäreinrichtung haben die ausführenden Firmen an jeder einzelnen Kabinentür nochmals einen sicherlich die Gesamtkosten erhöhenden komplizierten Geldschließmechanismus verbaut. Offensichtlich konnte der Fehler im Nachhinein nicht mehr korrigiert werden (wurden die Schließmechanismen trotzdem berechnet)? Jetzt wirkt dieses doppelte Geldschließsystem für jeden Toilettenbesucher wie ein Schildbürgerstreich. Alle haben ja bereits am Eingang 50 Cent bezahlt hat. Nun steht er/sie wieder an einem Geldschließautomaten. Zum Glück ist dieser aber bei keiner Tür in Betrieb.

Doch was ist das? Die Toilettenbauer/Innenarchitekten/Planer/Verwalter etc. ppp. haben direkt hinter dem Eingang eine täuschend echt wirkende „Jenaer Bahnhofstoilette“ nachgebaut. Inklusive einem durchrauschenden Fernzug. Da tut es doch gleich nicht mehr so weh, das Jena bald vom Fernverkehr abgehängt sein wird. Falls in ein paar Jahren jemand nostalgisch dem ICE nachtrauern sollte, dann kann er/sie sich auf die kleine, feine versteckte, videoüberwachte Bahnhofstoilette mitten auf dem Jenaer Marktplatz zurückziehen.

Wandgestaltung Toilette Jena

Wandgestaltung Toilette Jena

Jenas moderne, videoüberwachte, gutgepflegte Sanitäranlage neben dem Bismarckbrunnen ist immer einen Besuch wert. Der Eintritt beträgt nur 50 Cent. Menschen, die sich selbst als „Transgender“ bezeichnen, steht die Wahl der Kabinen männlich/weiblich frei. Kinder und Menschen mit Sehbehinderung werden gebeten, nicht die vielen Treppenstufen im Eingangsbereich hinunterzufallen.

In der nächsten Folge der Reihe „Bertha K. und die Jenaer Toiletten“ wird der Think Thank „PsyTaArt“ sein Toilettenkonzept, das finanziert, praktikabel und sozial gerecht ist, vorstellen.

Mit freundlichen Grüßen
Bertha Kessel

P.S. Ein freundlicher Kommentator hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei der Toilette um eine Kopie einer Pariser Metrostation handelt, die nach Jena benannt wurde. Die Stadt, die keine einzige öffentliche Bahnhofstoilette hat, kopiert eine französische Metrostation, obwohl Jena auch keine Metro hat und in Zukunft haben wird. Komische Welt.

Am 05.11.2014 war ein Schild angebracht. „Lift außer Betrieb.“ Die Toilette kann nicht mehr von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen erreicht werden.

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Bertha K. und die Theaterszene in Jena

Die Welt brennt und die Kreativen verschlafen es. Das Kurztheaterspektakel in Jena enttäuscht.

Samstag, 11.10.2014

Als Anhänger der Theaterlandschaft in unserem beschaulichen „Paradies“ Jena stehe ich an diesem Samstag um 19 Uhr vor der Wahl. Soll ich zum Tag der offenen Tür ins Theaterhaus? Auf der Hauptbühne wird um 19 Uhr der Spielplan der Saison 2014/15 präsentiert.

Oder ist mir heute eher nach „jungem freien Theater“? Der Verein „Freie Bühne Jena e.V.“ lädt zum „Kurztheaterspektakel“ ein. Das findet diesmal zwischen Faulloch und Straßenbahndepot statt.

In Jena sind offensichtlich hauptamtliche und freie Kulturschaffende nicht in der Lage, gemeinsam ein Jahresprogramm zu entwerfen, um solche ärgerlichen Überschneidungen zu vermeiden.

Ich entscheide mich an diesem Abend für die Veranstaltung des „Freie Bühne e.V.“ in der Innenstadt. Wenn ich mir jetzt die Sponsoren der Veranstaltung anschaue, dann wird deutlich, dass diese Bühne gar nicht mehr so frei ist. Die Geldgeber der institutionalisierten und der freien Kulturprojekte sind fast dieselben. Irgendwann wird die freie Bühne bestimmt als Eigenbetrieb in der Stadt richtig integriert.

Ich komme am Johannistor und Faulloch an. Die Veranstaltung ist durch einen Polizeiwagen abgesichert. Mich verunsichert das. Die zehn Euro Eintritt können und wollen sich viele Menschen in dieser Stadt nicht leisten. Die Veranstalter haben mir eine Karte geschenkt, um über diesen Abend berichten zu können. Vielen Dank dafür. Aber mit dem für viele von uns zu hohen Eintrittsgeld grenzen die „freien Theatermacher“ viele Menschen sozial aus. Ich weiß es, da ich die meiste Zeit zu den Menschen gehöre, die sich kulturelle Veranstaltungen nicht leisten können. Wenn das Theater wirklich auf die Straße gebracht werden soll, dann sollte das nicht mit Absperrungen, Polizeiwagen, flächendeckender Videoüberwachung und Eintrittsgeld verbunden sein.

Das Ambiente am Faulloch ist ähnlich hergerichtet, wie der jährliche Mittelaltermarkt, nur nicht so schön. Als Schnecken verkleidete Schauspieler kriechen pünktlich um 19 Uhr zwischen den Besuchern umher. Ich vermute, den Zuschauern soll damit signalisiert werden, dass jetzt so etwas wie ein „Kulturprogramm“ beginnt.

Ein Farbpunkt auf der Eintrittskarte teilt das Theaterpublikum in verschiedene Gruppen auf. Ich folge ab jetzt einer geführten Märchentour. Meine Begleiterin hat einen goldfarbenen Ball in die Hand gedrückt bekommen und freut sich darauf, irgendwann den Frosch zu küssen. „Im grimmschen Original wird der Frosch aber an die Wand geworfen“, kläre ich sie auf und versaue damit alle modernen romantischen Varianten dieser Märchen, deren Darbietung mich an diesem Abend eher an einen Kindergeburtstag erinnert.

Mehrere Clowns mit roten Nasen begleiten die Zuschauer und sprechen unterwegs die Passanten an. Ich denke dabei an die Zeit mit einer Freundin zurück, in der wir genau das mehrmals auf der PsyTaArt-Bank in unserem Kiez gemacht haben. Wir haben nie daran gedacht, dafür zehn Euro Eintritt zu kassieren. Wir haben das eben gemacht. „Nur so. Einfach nur so“.

Angekommen auf dem Markplatz preist ein Prediger den Weltuntergang und kriecht dann in den Arsch, den die Theatermacher unserem verehrten Hanfried verpasst haben. Auch das ist für jemanden wie mich, der am 21.12.2012 (dem letzten vorhergesagtem Weltuntergang) nicht mehr in der psychiatrischen Tagesklinik, sondern woanders sein wollte, nichts Beeindruckendes.

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Im Stadtmuseum direkt nebenan findet gerade die Ausstellung „Heimatfront“ statt. 100 Jahre ist der Beginn des Ersten Weltkriegs her. Axel Doßmann nannte neulich auf einer Tagung die Anlage auf dem Friedensberg hier in Jena (mit der Inschrift „Die Toten der Kriege mahnen zum Frieden“) einen „Zeichenschlachtplatz“ und sprach sich für die Schleifung aus. In meinen Augen fängt unsere Welt jetzt gerade wieder an, zu brennen. Aber das alles geht offensichtlich an den Aktiven und Kreativen dieses Abends beim Kurztheaterspektakel vorbei.

Kann mich die Gruppe „Trott O Art“ (Jena) mit einem „Clowns-Geschichten-Karussell“ begeistern? Nein. Sie machen mich wütend (falls das die Intention war, dann ist dieses Ensemble sehr gut gewesen.) Über einen Weg, dem z.B. meine Bekannte, die sich in einem Rollstuhl fortbewegt, nie hätte folgen können, geht es zu einer improvisierten Bühne am Institut der Erziehungswissenschaft.

Dort sehe ich unreflektierte und für mich diskriminierende Theaterübungen mit einem Rollstuhl. Die Szene heißt „Im Museum“. Die Darsteller wissen offensichtlich nichts über die „Rollstuhlgerechtigkeit“ gerade hier im Stadtmuseum in Jena. Und in vielen anderen öffentlichen Gebäuden.

„Trott O Art“ (Jena)

„Trott O Art“ (Jena)

Wie es ist, am Boden zu liegen und nicht mehr aufstehen zu können, muss einigen unter uns nicht vorgespielt werden. Ich kenne Menschen, die das viel realistischer darstellen können. Sie können ihre Körper aufgrund einer Krankheit oder Verletzung nicht willentlich steuern. „Troit O Art“ sollten, wenn sie nicht bereit sind, sich tiefer in eine Thematik einzuarbeiten, in Zukunft solche sensible Themen umgehen.

In der nächsten Szene wird eine ältere Frau dargestellt. Offensichtlich will sie einem jüngeren Mann das richtige „Amen“ beibringen. Und auch hier denke ich an die Suche nach einem Halt in einer Religion, der für viele um mich herum gerade jetzt sehr wichtig ist. Mir kommen all die Herausforderungen in den Sinn, die auf uns zukommen, wenn wir andere Kulturen für unser bewährtes Prinzip der Trennung von Staat und Kirche begeistern wollen.

Haben „Troit to Art“ das gemeint? Den Krieg, der sich viel zu oft über Religion definiert? Ich glaube, diese Realität, die ich gerade erlebe, ist an dem Ensemble völlig vorbeigegangen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, ein paar wunderbar zelebrierten Ordnungswidrigkeiten (Bemalen von Verkehrsschildern mit Edding) landen wir im alten Straßenbahndepot. Das könnte auch eine tolle Lokation für kleinere Konzerte sein. Doch die weitläufige Atmosphäre wird gestört durch zwei separate Bühnenaufbauten und die zwei dazu gehörenden Zuschauerränge. Das heißt für mich: schnell einen sicheren Platz am Anfang und zwischen den Bühnenwechseln ergattern. Keine Chance besteht da für Rollis, Rollatoren und Rentner. An die Bar kommt auch keiner von denen. Wenn sowas alternatives Theater auszeichnet, gefällt es mir nicht.

Face to Face With (Leipzig) sitzen in einem Haus aus Kabeln. Dem ersten Stück kann ich nicht folgen. Hellhörig werde ich, als kurz das Thema „Suizid“ thematisiert wird. Hat sich doch gerade der langjährige MDR-Intendant Udo Reiter so verabschiedet. In einer MDR-Show springen daraufhin die Playbacks zu einem Lied, in dem gesungen wird: „Wir leben jetzt, wir leben laut, wir wollen mehr, wir drehen auf….“.

Doch die Szene auf der Bühne im Straßenbahndepot endet, indem die beiden Schauspieler wie Gorillas brüllen und die Bühnendekoration zerlegen. Hätten die Planer des Kurztheaterspektakels die Reihenfolge der Stücke an diesem Abend umgedreht, dann hätten sie alle unterschiedlichen Bühnenbilder auf einer Bühne realisieren können.

Nach dem m.E. unsinnigen Bühnenwechsel steht Olav Amende (Leipzig) mit einem „Phantasiestück“ auf dem Programm. Mit einem beeindruckenden Schattentheater wird Hass, Verrat, Mord, Verletzungen und Liebe dargestellt. Dazu hört das Publikum im Straßenbahndepot verzerrte Audiofetzen. Na endlich. Die junge Theaterszene nähert sich der Wirklichkeit. Und wenn es an diesem Abend auch nur Schatten sind. Die Körperspannung der beiden männlichen Darsteller zu beobachten, ist beeindruckend.

Danach folgt „Vier Volt“ (Leipzig). „Abwechslungsreich, mit Spannung geladen, Funken sprühend, zum Leuchten bringend und unter Strom stehend“ verspricht das Programm. Ich sehe Darsteller, die auf Zuruf des Publikums Szenen nachspielen. Hier nennt sich das an diesem Abend sicherlich Improvisationstheater. Ich habe dieses Spiel aber schon auf einigen Partys schöner erlebt. Draußen soll dann irgendwo noch ein Wal unterwegs sein. Ich und dieses Theater sind an diesem Abend nur selten in der Lage, in Kontakt zu treten.

Wo steht das Junge Theater? Die freie Bühne e.V. und ihre Leipziger Freunde sind hoffentlich nicht alles, was an kreativem Potential in den Herzen junger Menschen brodelt. Ich weiß, auch Jenakultur ist nicht alles an kulturellem Potential in dieser Stadt. Wir stehen noch am Anfang. Wir werden miteinander reden. Das ist gut. Bringt das Theater auf die Straße. Dann aber richtig. Ich helfe euch dabei.

„Auf mich wartet etwas besseres“, sage ich zu einer Bekannten und verlasse so schnell wie möglich die Lokation.

Bertha und die AfD. Wie schnell jemand zum Antisemiten wird (Teil 2)

Ursprünglich sollte in dieser Serie „Bertha K. und die AfD“ das „völkische Denken“ im Wahlprogramm des Thüringer Ablegers der „Alternative für Deutschland“ (AfD) thematisiert werden. Und dann das. Die Brandenburger AfD befindet sich trotz Wahlerfolgs im Aufruhr. Im Zentrum steht mein geschätzter Gesprächspartner Jan-Ulrich Weiß.

Der Stiefsohn des Landespartei- und Fraktionschefs Alexander Gauland, Stefan Hein, hatte im Wahlkampf interne Papiere an den Spiegel weitergegeben. Der Haussegen hing sicherlich schief. Hein gab daraufhin öffentlich den Mandatsverzicht bekannt und wurde auch innerhalb der AfD isoliert. Nachrücken sollte laut Liste der siebenfache Familienvater Jan-Ulrich Weiß aus Templin (im ersten Teil dieses Artikels wurde beschrieben, was dann passierte).

Noch bevor irgendjemand mit Weiß geredet hatte und die AfD-Basis geklärt hat, wer das Mandat vertreten soll, verkündet Stefan Hein nun überraschend den Rücktritt vom Rücktritt und begründet seine Entscheidung gegenüber dem „Leitmedium der Neuen Rechten“ (SZ), der „Jungen Freiheit“ damit, dass er den Einzug des umstrittenen Nachrückers Weiß verhindern will. An diesem Problem landespolitischer Parteischarmützel kann die AfD Brandenburg zeigen, dass ihre Basis demokratisch entscheidet und nicht allein ein Landes- oder Bundesvorstand.

Und das eigentliche Problem? Der Vorwurf des Antisemitismus? Gerade im Web 2.0 stolpern immer mehr gewählte Politiker und Parteien über das Thema. Entweder werden sie, ideologie- und globalisierungskritisch, wie sie eben sind, vom rechten Rand vereinnahmt. Ein anderer zu schnell gedrückter „Like“ in einem sozialen Netzwerk führt schnell dazu, dass jemand als „Judenhasser“ verunglimpft wird.

Wie kann man die Politik des israelischen Staates kritisieren, ohne als Antisemit zu gelten? (für dieses Problem gibt es mittlerweile Broschüren). Dennoch kommt es immer wieder zu unheilvollen, oft ungewollten Allianzen zwischen Montagsdemonstranten, Eso-Nazis und Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft und Kultur bsp. im Nahen Osten mit einem antiisraelischen Weltbild sozialisiert wurden.

Beim Versuch, das ganze so transparent wie möglich in der Öffentlichkeit aufzuklären, reden Antisemiten und Antiantisemiten in ihren Kommentaren meist über eine von Nationalismus, Sozialdarwinismus und Rassismus begründete Judenfeindlichkeit, die ihren Ausdruck in der nationalsozialistischen Ideologie fand, die bis 1945 vom NS-Regime propagiert wurde. Die Schreiber, egal ob rechts oder links, nutzen dabei dieselben Stereotype und Quellen, wie diejenigen, die in Deutschland in den dreißiger und vierziger Jahren industriellen Massenmord durchführten. Muss das nicht den Opfern des Holocaust und ihren Hinterbliebenen wie eine Verhöhnung vorkommen?

Oft wissen diejenigen, die über Antisemitismus reden, nichts über die europäische Antisemitismusforschung nach 1945, die Kriterien antisemitischer Hetze erarbeitet, die im 21. Jahrhundert wichtig sind.

Niemand scheint sich mehr an die Goldhagen- oder die „Walser“- Debatte zu erinnern. In den Diskursen geht es nicht um aktuelle antisemitische Straftaten oder das Problem des notwendigen friedlichen Zusammenlebens zwischen Menschen mit islamischem, christlichem und jüdischem Hintergrund. Sondern um persönliche Meinungen und Vorwürfe. Ist die seit 1989 gezeigte Simpsons-Figur „Monthy Burns“ eine „antisemitische Karikatur“ im Stile des zeitgenössischen Nazihetzblattes „Stürmer“, wenn sie mit dem Namen des Bankhauses Rothschild in Verbindung gebracht wird? Da muss uns erst ein Altmeister wie Harald Schmidt zeigen, was möglich ist, wenn wir offen miteinander reden.

Jetzt ist es aber an der Zeit, mit Jan-Ulrich Weiß zu reden.

Bertha K: Was hat dich zur Kandidatur für die AfD bewogen?

Jan-Ulrich Weiß: Wenn man will, dass etwas gelingt, dann muss man auch selber was machen. Mich persönlich beschäftigen sehr die Themen „Situation der Großfamilien“, Demographischer Wandel und Landwirtschaft, da ich von dort komme. Die normalen Bürger sind in der Politik nicht vertreten. Wie ist es, einen kleinen Betrieb in Klaushagen in der Uckermark am Laufen zu halten? Ich bin ein Typ, der Probleme wieder ansprechen möchte und sie beim Namen nennt. Saubere und familientaugliche Landwirtschaft, das ist mein Spezialgebiet.

Bertha K.: Wie kam es zu dem angeblich antisemitischen Eintrag auf deinem Facebookprofil, das dann verbreitet wurde, als du für die AfD ein Mandat im Brandenburger Landtag annehmen solltest? Das wird auch hier von manchen als antisemitische Äußerung verstanden.

Jan: Die Fotomontage hab ich lediglich angeschaut und fand sie in dem Moment passend. Also habe ich sie für gut befunden und „gefällt mir“ gedrückt. Ich hatte das selbst aber niemals hochgeladen, noch geteilt, verbreitet oder sonst irgendeinen Schwachsinn. Ich kann auch keinen Bezug zur Zeitung „Der Stürmer“ feststellen, weil ich diese Zeitung nicht lese. Ich sehe auch keine „Weltverschwörung“, weil die Interessen der Finanzindustrie längst durch große Koalitionen und überstaatliche Organisationen (EU, EZB) nicht geheim, sondern ganz offen vertreten werden. Eine geheime „Verschwörung“ ist nicht mehr nötig. Auch dieses Wort finde ich nicht in der Karikatur.

Bertha K: Die AfD hat dich aus der Fraktion ausgeschlossen und auch ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Gleichzeitig verkündet der Stiefsohn des Landeschefs Gauland, dass er nun doch sein Mandat annehmen möchte, das er ja zunächst öffentlich abgedrehten hatte. Wie geht es weiter? Seid ihr als AfD nicht die angebliche „BasisPartei“?

Jan: Ich werde sehen, wie man aus dem ganzen ein Ausschlussverfahren machen will. Ich soll nur das Bauernopfer für ganz andere Dinge sein. Wir sind in Brandenburg, wie auch in anderen Bundesländern, unzufrieden mit der Satzung. Der Landesvorstand sieht das anders. Ich habe für die AfD einen erfolgreichen Wahlkampf gemacht und stehe nach wie vor zu ihren Zielen. Jetzt fühle ich mich aber von der Parteispitze nur noch verkauft und beschissen. Ich habe aber Rückhalt in der Basis, für die ich den Wahlkampf gemacht habe. Diese Leute möchte ich in Potsdam vertreten. Die brandenburgische Partei ist noch gesund, also nahe an den Bürgern. Und die werden das hoffentlich entscheiden.

Bertha K.: Gab es eigentlich Avancen vom „rechten Rand“, als sich der Landeschef Gauland von dir distanzierte?

Jan: Die NPD hat mich natürlich angeschrieben und mich gefragt, ob ich mit ihr reden würde. Daran besteht kein Interesse. Dieser rechtsextremen Partei werde ich mich nicht anschließen.

Bertha K.: Jetzt mal ehrlich. Bist du ein „Judenhasser“, wie die Bild geschrieben hat?

Jan: Ich interessiere mich für Geschichte und da spielt auch immer wieder das Bankenhaus Rothschild eine Rolle. Die Rothschilds schreiben auf ihrer Seite selbst, wie sie zwischen 1820 und 1850 das europäische Bankensystem aufmischten. Aber ich bin kein „Judenhasser“ oder Antisemit. Ich für meine Person weise als bekennender Christ die Geisteshaltung des „Antisemitismus“ aufs schärfste zurück. Sogar die evangelische Kirche in Templin beeilte sich, sich von mir abzugrenzen. Aber ich stehe voll zu meiner geistigen Einstellung: „Widerstand gegen den menschenverachtenden und unersättlichen Machtanspruch der globalen Finanzindustrie“. Das sehe ich als meine Pflicht.

Bertha K.: Die Familie Weiß hat doch sicherlich selbst auch jüdische Vorfahren?

Jan: Natürlich habe ich mit dem Nachnamen „Weiß“ auch jüdische Zweige in meiner Familie, andere Verwandte heißen Rosenthal. Aber darum geht’s hier doch gar nicht. Ich habe nichts, aber auch gar nichts mit Nationalismus, mit Rechten und mit Antisemiten am Hut. Wer mich persönlich kennt, der weiß, dass ich alles bin, aber definitiv kein Nationaler oder Antisemit. Dieser ganze ideologische Kram hilft uns doch nicht bei unseren aktuellen Problemen weiter. Moslems, Christen und Juden werden gegeneinander aufgehetzt und dann versuchen noch einige, den Holocaust mit ins Spiel zu bringen. Und auch die Bankenkrise ist noch lange nicht vorbei. Ich möchte jetzt als Landtagsabgeordneter Politik machen und nicht für etwas diffamiert werden, was einfach nicht stimmt.

Bertha K.: Und da war dann noch der Vorwurf, du hättest auf Facebook den NSU-Prozess als „Schauprozess“ verunglimpft?

Jan: Ja. Die Zustimmung zur Bezeichnung „Schauprozess“ für den laufenden Prozess gegen Beate Zschäpe in Bayern will man jetzt als weiteren Beleg für meine angeblich nicht AfD-konforme Geisteshaltung benutzen. Was sagt denn die Öffentlichkeit? Als wenn das nur Nazis sagen würden. Dabei wundern sich nicht nur Thüringer Landtagsabgeordnete über das Chaos und die Rolle der Geheimdienste. Wer weiß, was da alles noch ans Licht kommt. Ich finde diesen Prozess, wie er jetzt läuft, eine Schande für die deutsche Justiz. Wenn ermordete Mitbürger für einen solchen Zweck instrumentalisiert werden, dann kann ich nur bei allen direkt betroffenen Mitmenschen um Entschuldigung bitten.

Ich danke dem Jan für dieses Gespräch und bleibe weiter dran. Bertha Kessel

Bertha und die AfD. Wie schnell jemand zum Antisemiten wird (Teil 1)

Wer die vergangenen Artikel von mir, Bertha Kessel, kennt, der weiß, dass ich Antifaschist bin. Hingewiesen habe ich auf jahrzehntelange Versäumnisse im Umgang mit der Aufarbeitung der Verbrechen des NS-Regimes. Ich beschäftige mich kritisch mit dem Landeswahlprogramm und den Ansichten der AfD Thüringen.

Und ich werde mich mit Jan Ulrich Weiß unterhalten. Jans Geschichte geht gerade in den Medien rum. Er ist einer der aus der Fraktion der AfD Brandenburg ausgeschlossenen Landtagsmitglieder.

„Politiker Jan Ulrich Weiß hetzt auf Facebook gegen Juden“ titelte die „Bildzeitung“. Andere Medien folgten. Auch die AfD Brandenburg, die sowieso gerade dabei ist, gewählte Mandatsträger kalt zu stellen, ist unter denjenigen, die Weiß als Antisemiten brandmarken. Brandenburgs AfD-Chef Gauland schmiss ihn aus der Fraktion und erklärte dazu: „Das ist eine Karikatur im Stil des ´Stürmers`. Das ist für ein Mitglied der AfD und einen unserer Mandatsträger völlig inakzeptabel! Ich bin entsetzt über das Verhalten von Herrn Weiß.“

Brandenburgs Grüne, die Linksfraktion, auch die SPD forderten umgehend den Mandatsverzicht des AfD-Abgeordneten. Grünen-Fraktionschef Axel Vogel kündigte an, Strafanzeige wegen des Verdachts auf Volksverhetzung zu erstatten. Nach „fremdenfeindlichen Ressentiments kommen nun auch noch unverhohlener Antisemitismus und rechtsextreme Verschwörungstheorien zum Vorschein“, so Vogel.

Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland ist nach den Meldungen besorgt über antisemitische Vorfälle bei der AfD.

Wie nahm diese Geschichte eine solche Dynamik an, dass selbst die AfD eine politische Auseinandersetzung, wie ich selbst sie in der Vergangenheit mit Jan immer führen konnte, verweigert?

Mitte September 2014 in Brandenburg: Der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Landtag, Andreas Büttner, ist sauer. Die FDP war mit dem Slogan „Keine Sau braucht die FDP“ in den Wahlkampf gegangen und flog nun aus dem Brandenburger Landtag raus. Stattdessen musste der Polizist Büttner miterleben, dass jemand anderes aus seiner Heimatstadt Templin über die Liste der AfD in den Potsdamer Landtag nachrückte. Tage später wurde Büttner folgende Karikatur zugespielt, die auf der Facebookseite von Jan gepostet war.

 

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In diesem Bild sehen Andreas Büttner, die AfD, die „Bildzeitung“ und viele andere eine antisemitische Verunglimpfung und sprechen ihr Urteil aus. Die „Bild“ hatte ihre Schlagzeile, die Kleinstadt Templin war entsetzt. Nur wenige kannten die Karikatur, die zu sehen war. Die allerwenigsten kennen die Hintergründe. Jan selbst kam nicht zu Wort.

Auf dem Screenshot, den Büttner von der fremden Facebookseite bekam, sind zwei Fotos von Jacob Rothschild, einem britischen Investmentbanker und Mitglied der bekannten Bankiers-Familie Rothschild, zu sehen. Weiterhin ist ein Bild abgedruckt von Montgomery Burns, dem reichsten und mächtigsten Mann in Springfield in der Zeichentrickserie „Die Simpsons“. Burns dient in der Serie als Klischee des bösen und unsympathischen Kapitalisten.

Bis jetzt sehe ich keine Karikatur im Stil des „Stürmers“, lieber AfD-Chef Gauland. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich noch nie in dieser Zeitschrift „Stürmer“ gelesen habe. Die Figur des Montgomery Burns in der Serie sieht genauso aus, wie auf der Montage. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Zeichner Matt Gröning keine antijüdischen Klischees verbreiten wollte. Sicherlich wurden die realen und Comicbilder nebeneinander gestellt, da auch mir als linksalternative Bloggerin die Ähnlichkeiten auffallen zwischen Jacob Rothschild und Mr. Burns.

Im dazugehörigen Text wird eine Verschwörungstheorie angedeutet, die leider viel zu oft von Antisemiten und Neonazis instrumentalisiert wird. Die Familie Rothschild ist seit dem Beginn ihres großen Einflusses auf die europäische Wirtschafts- und Politikgeschichte das Ziel von Karikaturen, polemischen Schriften, Hetzkampagnen und Verschwörungstheorien.

Oft steckt dahinter verdeckter Antisemitismus, aber nicht immer. Junge Leute treffen sich an Stammtischen, die sich z.B. „Alles Schall und Rauch“ nennen. Wir alle wissen, dass sich die Finanzmittel der Welt in den Händen einer immer kleiner werdenden Elite befinden. Weiterhin ärgern wir uns, dass wichtige Entscheidungen, die auch unser Leben betreffen, oft nicht mehr in gewählten Parlamenten, sondern in intransparenten Machtzirkeln wie den Bilderberger-Konferenzen oder auf EU-Ebene geheim verhandelt werden.

Ich glaube, wir sind uns auch alle einig, dass irgendwer Kapital aus den vielen Kriegen zieht. Eine der vielen Verschwörungstheorien beleuchtet das Handeln der europäischen Bankiersfamilie Rothschild in der Geschichte kritisch. Diese hätten sich mit der amerikanischen Unternehmerdynastie Rockefeller zu einer geheimen Weltregierung zusammen getan. Und jetzt unterscheiden sich die Verschwörungstheorien von den ekligen, hetzerischen Weltverschwörungstheorien, die Nazis früher und heute jüdischen Mitbürgern vorwerfen.

Warum folgen dann die unqualifizierten Kommentare von allen Seiten? Die Rockefellers sind keine jüdische Familie. Man kann das alles natürlich für Spinnerei halten. Verschwörungstheoretikern könnte vorgeworfen werden, einfache Antworten auf komplexe Frage zu suchen. Das ist jedoch auch in der Politik oft Alltagsgeschäft. In diesem Kontext sehe ich keinen Antisemitismus. Und erst recht keine Volksverhetzung.

Aus diesen Diskussionsforen stammt die Karikatur, die den abgewählten FDP-Mann und dann alle anderen so erschreckte. Dieses Bild zeigt den europäischen Teil der angenommenen Weltverschwörung. Auf der anderen Seite steht der amerikanische Teil der Rockefellers.
Natürlich sind wir uns der möglichen Instrumentalisierung eines Teils unserer Hypothesen, die nicht antisemitisch, sondern kapitalismus- und globalisierungskritisch sind, bewusst. Es tut weh, wenn Menschen sich unbeabsichtigt angegriffen fühlen.

Wir lassen es nicht zu, dass die reale Gefahr antisemitischer Tendenzen (auch zunehmender „Islamophobie“) von Parteien wie AfD, Linken und Grünen, der Bildzeitung und allen anderen, die sich vorschnell ein Urteil bilden, ausgenutzt wird. So wird der wirkliche Kampf gegen „braune Weltbilder“, gegen völkisches Denken, gegen Sozialdarwinismus, gegen soziale Ausgrenzung anderer Kulturen und Meinungen, unglaubwürdig.

Und deshalb spreche ich jetzt mit Jan und frage ihn selbst.

Beim nächsten mal bei „Bertha Kessel und die AfD“.

Fahndungsfotos auf Facebook (und die totale Überwachung)

Fahndungsfotos auf Facebook (und die totale Überwachung)

Zunächst zum oberen Beitragsbild mit dem haarigen Hintern. Das ist nicht meiner. Das war eine Kunstaktion, über die ich berichtet habe. Aber gehören nicht alle unsere Ärsche der Stadt Jena? Wir sollten dringend darüber reden, warum Polizei und Medien im Falle von Fahndungen mit Überwachungsfotos nicht das beachten, was jeder Jugendliche heutzutage wissen soll: das Internet vergisst nie.

Fahndung

Auf dem Bild ist meine Facebook-Timeline zu sehen. Im oberen Eintrag meldet der Account der „Welt“, dass Tatverdächtige sich gestellt hätten und deshalb die Gesichter auf den Bildern verpixelt werden. Direkt darunter werden mir andere Nachrichtenlinks empfohlen. Auf den kleinen Bildern dazu sind die Gesuchten jedoch nach wie vor gut zu erkennen. (ein Mitarbeiter meiner IT-Abteilung hat diesen Screenshoot nachträglich für diesen Beitrag anonymisiert, sodass ich mich nicht unfreiwillig an dieser „Hexenjagd“ beteiligen muss.)

Machen offizielle Fahndungsfotos der Polizei die öffentlichen Fahndungsaufrufe besser oder schlechter? Ist da nicht gleich das Urteil der sozialen Brandmarkung gefällt? Wozu brauchen wir dann noch Richter? Es lohnt sich, bei diesem Vorgehen genau das Für und Wider zu diskutieren. In den USA gibt es Karten und Listen, in denen aufgeführt wird, wo Menschen wohnen, die ein Sexualverbrechen begangen haben. In den Augen vieler Eltern ist das sehr gut. Es hat aber auch das Leben eines 17 Jährigen ruiniert, der seine 15 Jährige Freundin geküsst hat.

Wo sind die Geisteswissenschaftler, die über so etwas nachdenken, wie unsere Gesellschaft dadurch verändert wird? Was ist mit dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten?“

Die Fahndung mit Fotos von Überwachungskameras erinnert mich sehr an den wilden Westen und die Zettel „Wanted. Dead or alive“. In Jena „kackt“ jemand in die Straßenbahn? Kein Problem. Das Foto wird mit der ganzen Welt geteilt. Am nächsten Tag meldet sich der „Täter“ und bezahlt reumütig die Reinigung der Sitze.

Was ist eigentlich mit dem Recht am eigenen Bild bei Überwachungskameras? Wie reagieren wir, wenn Menschen zu unrecht sozial gebrandmarkt werden oder nach denen nach einer erfundenen Geschichte gefahndet wird?

Wir alle werden in der Innenstadt und in den Straßenbahnen Jenas fast flächendeckend mit Videokameras (auch von Geschäften, Banken etc.) überwacht und unser Leben aufgezeichnet. Die Technik für diese Überwachung wird von Firmen wie der Carl Zeiss Jena GmbH (4,2 Mrd.. Umsatz) oder der Jenoptik AG (ca. 600 Millionen Umsatz) hergestellt. In ihren Stipendienprogrammen fördern diese Unternehmen mit Millionen Studien aus dem technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Sie geben viel Geld für ein großes PR-Getöse (wie z.B. gerade in der Goethe-Galerie) aus. Die Carl-Zeiss-Stiftung fördert aber keine geistes- und sozialwissenschaftlen Forschungsvorhaben.

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125 Carl-Zeiss-Stiftung. Präsentation in der Goethe-Galerie in Jena.

Die Vorschläge unseres Think Tanks:

1. Polizei und Medien entwerfen zusammen eine Warnmeldung. Sie schildern den Vorwurf, erklären in den sozialen Medien, warum es wichtig ist, die Tat aufzuklären, warnen, dass sie gestochen scharfe Aufnahmen haben von Menschen, die so und so aussehen. Diesen Beschuldigten wird dann (x) Tage Zeit gegeben, sich den Tatvorwürfen zu stellen. Nur im allergrößten Notfall bzw. nach vorheriger Warnung werden Fotos von Tatbeschuldigten (es sind ja noch keine Täter ohne Verhandlung und Urteil) in sozialen Medien verbreitet.

2. Die Carl-Zeiss-Stiftung und die Jenoptik AG spenden jeweils eine Million Euro an das Historische Institut in Jena für ein neues Forschungsvorhaben. Der Arbeitstitel lautet: „Wahrheit ruiniert. Überwachung in der Geschichte. Von der Mainzer Untersuchungsbehörde bis zu Edward Snowden.“

Eure Bertha Kessel und ihr Think Tank

Das Wahlprogramm der Thüringer AfD unter der Lupe (Teil 2)

Das Wahlprogramm der Thüringer AfD unter der Lupe (Teil 2)

Nach meiner Auseinandersetzung mit der Präambel des Wahlprogramms der Thüringer AfD folgen nun ein paar Vorbemerkungen, die wichtig sind, um die Ernsthaftigkeit der politischen Ziele der AfD Thüringen im Landtag einschätzen zu können.

Der realexistierende Marxismus ist seit 1989 bankrott. Die Partei, die von sich behauptete, die liberale Stimme im Land zu sein, hat sich selbst demontiert und ist nun auf parlamentarischer Ebene in Thüringen und im Bund nicht mehr vertreten. Kapitalistische Auswüchse und ihre Folgen wurden den Bürgern im Zuge der Finanzkrise der letzten Jahre schmerzhaft spürbar.

Seit 1871 versuchen sich die Deutschen am Projekt „Parlamentarismus“. Immer wieder wurde dieses „andauernde Experiment“ durch totalitäre Systeme unterbrochen. Auch die Demokratie wurde diesem Land nicht in die Wiege gelegt. Seit 1990 gilt auch in Thüringen das Grundgesetz. Viele der in Erfurt in der Politik Tätigen sind nun seit fast 25 Jahren fest auf den Bänken und Posten des Parlaments.

Um uns herum scheint sich die Welt immer schneller zu wandeln. Jeden Tag prasseln Meldung über Finanzkrisen, Umweltkatastrophen, Seuchen und Kriege auf die Bürger ein. Die Zahl der Flüchtlinge steigt unzweifelhaft. Die Machtlosigkeit unserer Repräsentanten, ein Ausspionieren ihrer Bürger zu verhindern, macht viele traurig und wütend.

Das globalisierte Finanzsystem durchschauen nur noch wenige von uns (auch wenn der zukünftige AfD-Landtagsabgeordnete Olaf Kießling als Finanz- und Versicherungsmakler den Menschen viel erklären könnte, womit der sein Geld verdiente. Er könnte den Bürgern sagen, dass z.B. der Allianz-Versicherung nationale Grenzen ziemlich egal sind etc).

Die Gleichgültigkeit und Unzufriedenheit über unser politisches System der parlamentarischen Demokratie, in dem sich viele nur unzureichend vertreten fühlen, wächst. Entweder gehen die Bürger gar nicht mehr zur Wahl, wie fast die Hälfte der Thüringer Wahlberechtigten. Mehr als 10 % derjenigen, die zur Wahl gegangen sind, greifen das Angebot der AfD von einer „Denkzettelwahl“ auf. Auch die AfD Thüringen ist mit einer Mischung aus Populismus und dem Schüren von Ängsten vor Fremdem und Veränderungen erfolgreich.

Dass auch ich einige Entwicklungen für untragbar halte, darüber habe ich geschrieben. Das ist das Schöne an unserer offenen Demokratie, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung im Grundgesetz verbrieft ist. Es gibt einen Meinungspluralismus und das unterscheidet unser politisches System von fast allen anderen vor 1989. Fragt doch mal Thilo Sarrazin. Der ist inzwischen Multimillionär, allein durch seine Buchverkäufe.

Den meisten Wählern der AfD gefällt m.E. Deutschland. Mir auch (in manchen Dingen, nicht in allen).
Seit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft dieses Jahr ist der Umgang mit den Farben „Schwarz-Rot-Gold“ entgültig völlig unverkrampft.
Jeder, der sich als Patriot fühlt, darf das, kann darüber schreiben und für seine Einstellung werben. Alles kein Problem mehr heutzutage. In der Jenaer McDonalds-Filliale laufen Werbespots der Bundeswehr, die noch viel patriotischer wirken, als alle „gegen Deutschlandfeindlichkeit“ oder „Patriotischen Plattformen“-Gruppen auf Facebook zusammen.

Die zukünftigen Abgeordneten der AfD dürfen in sozialen Netzwerken ihr Idol Eva Herman „liken“, weil die angeblich etwas gesagt hat, was keiner sagen darf. Und die „Systemmedien“ würden es verschweigen (Leute, ihr nutzt doch auch Blogs und youtoube, oder nicht? Ich weiss, dann kommt immer die Meldung, dass die Netzwerke das sperren würden, aber ich habe hier drei Screenshots, in denen einer von euch das ankündigt, Und was passiert? Nichts.) Was soll also diese Stilisierung als Gejagte, Verfolgte und Opfer?

Die Eva Herman darf sogar 21 Tote der Love Parade und ihre Familien verunglimpfen, indem sie auf ihrem Blog schreibt: „Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen[…] Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!“

Die AfD ist in diesem Landtagswahlkampf, in dem es allen Parteien schwerfiel, Lösungsvorstellungen für komplexe Herausforderungen der Zukunft den Menschen zu erklären, vor allem mit sehr einfachen Forderungen aufgetreten:

Neben der Abschaffung des Euro waren dies z.B. Plakate mit dem Schriftzug „Keine Denkverbote“. Es gibt jedoch keine „Denkverbote“ (außer innerhalb der AfD). Wer hat den Mitgliedern und Sympathisanten der AfD verboten, zu denken? Ich weiß, dass wenig Zeit war, ein Programm für die Landtagswahl zusammenzustellen, welches mehr enthält, als nur die Forderung, den Euro abzuschaffen. Aber im nächsten Artikel an dieser Stelle werde ich über das Landtagswahlprogramm schreiben. Keine Angst. es sind nicht viele Seiten. Vor allem die Juristen unter den AfD-Abgeordneten müssen sich dann Fragen gefallen lassen, ob sie bei der Formulierung genug „mitgedacht“ haben.

Die AfD fordert immer wieder die Durchsetzung freier Meinungsäußerung. Aber es herrscht freie Meinungsäußerung (mit bestimmten Grenzen z.B. Leugnen des Holocaust oder Beleidigungen). Ich bin wirklich ein großer Fan dieses offenen, demokratischen politischen Systems (nicht unseres sozialen Systems). Auf diese freie Gesellschaft musste die Generation meiner Eltern viel zu lange verzichten. Und was seit 1989 für ein vereinigtes Deutschland gilt, das muss bewahrt und weiterentwickelt werden.

Ich registriere, dass beispielsweiße der zukünftige AfD-Landtagsabgeordnete Siegfried Gentele in seinem Wahlkreis die Ängste der Menschen vor einer Stromtrasse aufgenommen hat. Das ist ein komplexes Problem, das von allen Parteien ernst genommen werden sollte. Wir sind uns hoffentlich mehrheitlich einig darin, dass keiner ein Atomkraftwerk in Thüringen haben möchte. Die Konzepte, wie der durch die Windräder in der Nordsee gewonnene Strom nach Mitteldeutschland gelangen soll, gehen dagegen auseinander und müssen debattiert werden.

Manchmal macht es aber auch Angst, was Siegfried Gentele da von anderen Nutzern in sozialen Netzwerken teilt. Am 18. April teilte er etwa das Foto eines kleinen Mädchens, dem sichtbar körperliche Gewalt angetan wurde. Die Privatspähre dieses Kindes, dessen Gesicht natürlich nicht verpixelt wurde und deutlich zu erkennen ist, ist dem AfD-Mann offensichtlich völlig egal. Und natürlich wird alles, ohne das Kind zu fragen, öffentlich gemacht. Entweder geschieht dies aus Absicht oder aus Unkenntnis, mit sozialen Medien umzugehen.

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Siegfried Genteles Facebookprofil. Im Original dieser Meldung ist das Foto des kleinen Mädchens mit Spuren von Gewalt im Gesicht unverpixelt.

An anderer Stelle steht auf der Pinnwand, zwar nicht von Gentele selbst gepostet, aber geteilt und unkommentiert: „Oh wie dumm sind deutsche Politiker und wann werden die ersten gerichtet, egal durch wem auch immer!“ Weiter heißt es im dem Text: „Weil der Mopp vergisst niemanden auch nicht den kleinsten Bürokraten, der kein Arsch in der Hose hat.“ Als historisch interessierter Mensch kommen mir sofort die Morde z.B. an Walther Rathenau oder auch Rosa Luxemburg in den 1920er Jahren in den Sinn und letztlich der Untergang der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Andere Politiker werden auf öffentlichen Profilen des AfD-Anbgeordneten als „Verbrecher“ oder Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel als „Fettsack“ beschimpft. Menschen, die bei der EU tätig sind, werden als Gesindel bezeichnet. Liebe AfD, das hat nichts mit „politischer Korrektheit“ oder „Denkverboten“ zu tun. Von euern Abgeordneten werden in sozialen Netzwerken reihenweise gesellschaftliche Gruppen (Volksverhetzung) und Einzelpersonen (Beleidigung) diffamiert (und das Internet vergisst nie).

Auf der einen Seite fordert ein zukünftiger Abgeordneter der AfD einen neuen Straftatbestand zur „Verschwendung von Steuergeldern“. Leider wird da nicht mehr ausgeführt. Wer entscheidet, was Verschwendung ist? Wenn es klappt, ist das Projekt keine Verschwendung, wenn etwas schief geht, dann wollt ihr Köpfe rollen sehn? Ich wünsche mir hier mehr Präzession, vor allem von den vielen Juristen unter euch.

Auf der anderen Seite lassen sich die neu gewählten Landtagsabgeordneten der AfD Thomas Rudy und Siegfried Gentele in ihren öffentlichen Profilen eines sozialen Netzwerks am 16. September über die Inneneinrichtung des Landtags aus, die ihnen nicht gefällt. „Aber die Farbe des Mobiliars ist nicht so nett“, schreibt Siegfried und Thomas antwortet: „[W]ir können ja mit unserem Abgeordnetengehalt eine Spende für Klebefolie machen, in blauer Farbe würde ich vorschlagen.“

Wie bereits in meinem ersten Artikel zur AfD angeführt, halte ich nichts von Neiddebatten. Ich finde aber solche Statusmeldungen, in denen ihr euch über die Verschwendung der vielen Steuergelder, die ihr nun bekommt, lustig macht, nicht witzig (ich zeige euch gern mal die Privatsphäreneinstellung).

Ich persönlich wünsche mir auch mal Politiker, die zugeben, dass sie nicht wissen, wie bestimmte Entscheidungen wirken. Bei der AfD weiß ich jetzt schon, dass die nicht wissen, wie Demokratie funktioniert. Wie hat es Herr Kießling überhaupt auf einen Listenplatz der AfD und damit in den Landtag geschafft? Im April 2014 meinte der Gründungsvorstand des ersten Thüringer AfD-Kreisverbandes Gotha-Ilmkreis, dem Kießling angehörte, mit sofortiger Wirkung zurücktreten zu müssen. Es gab wohl Differenzen um die „Vorstellungen von innerparteilicher Demokratie, Satzungstreue sowie den ursprünglichen Geistes der AfD“. Der andere zukünftige Abgeordnete Gentele hielt noch im Februar den eigenen Landesparteitag in Arnstadt für einen „Witz“. Ob das fünf Jahre lang gut geht, bezweifle ich.

Die ersten sechs Listenkandidaten der AfD sind Beamte oder Rechtsanwälte. Menschen, die im Gegensatz zu vielen anderen, die sie gewählt haben, in diesem Land sehr privilegiert durch dieses Land leben. Und was die neuen Abgeordneten der AfD laut ihrem Landtagsprogramm alles gern umsetzen würden, dass das Schüren von Ängsten vor Fremdem und der Rückgriff auf vermeintliche Lösungsmöglichkeiten aus der Vergangenheit für die Zukunft keine Alternative für Deutschland sind, damit beschäftigt sich der nächste Artikel dieser Reihe „Bertha und die AfD“.

Eure Bertha Kessel

Das Wahlprogramm der Thüringer AfD unter der Lupe (Teil 1)

Das Wahlprogramm der Thüringer AfD unter der Lupe (Teil 1)

Heute: die Präambel.

Liebe AfD, lieber Björn Höcke, sie alter Thilo Sarrazin-Fan (der Sarrazin hat geschrieben, dass Uckermärker dümmer wären als Schwaben, was mich persönlich sehr beleidigt hat),

erst heute komme ich dazu, mich intensiv mit dem Wahlprogramm der Thüringer Alternative für Deutschland (AfD) zu beschäftigen. Ich habe euch sowieso am letzten Sonntag nicht gewählt. Also sollte das alles für mich jetzt eigentlich egal sein. Aber 10,06 % der Wähler haben für die AfD gestimmt. Das sind fast so viele Stimmen wie für die SPD! Wie viele Menschen sind das? Es war ja nur jeder vierte Wahlberechtigte wählen. Ok, rechnen mochte ich noch nie so gerne.

Ich versuche mir gerade einen typischen Wähler der AfD vorzustellen. Am leichtesten gelingt mir das, wenn ich auf meine eigene Lebenswelt schaue. Der Wahlkreis Jena I (Wahlkreis 37) umfasst die westlich der Saale gelegenen Ortsteile der kreisfreien Stadt Jena (Ammerbach, Burgau, Closewitz, Cospeda, Göschwitz, Isserstedt, Jena, Krippendorf, Leutra, Lichtenhain, Löbstedt, Lützeroda, Maua, Münchenroda, Remderoda, Vierzehnheiligen, Winzerla und Zwätzen). Dort habt ihr insgesamt 2025 Stimmen geholt (7,2 %).

Den Wahlkreis Jena II (Wahlkreis 38) bilden die östlich der Saale gelegenen Ortsteile von Jena (Drackendorf, Ilmnitz, Jenaprießnitz, Kunitz, Laasan, Lobeda, Wenigenjena, Wogau, Wöllnitz und Ziegenhain). Dort bekam die AfD 1741 Stimmen (9,2 %).

Die Wahlbeteiligung lag in Jena zwischen 56 und 57 Prozent. 3766 Menschen in Jena haben also insgesamt für die AfD gestimmt. Das ist das Publikum, das ich gern erreichen und (solange keine Nazis darunter sind) mit dem ich diskutieren würde.

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Laut Wähleranalyse sind es vor allem jüngere Leute, die euch gewählt haben. Viele Menschen, die bei der letzten Wahl CDU oder die Linken gewählt haben, sind zu euch abgewandert. Ok, die kleine Zahl an vormaligen ca. 200 NPD-Wählern vergessen wir jetzt mal. Es ist also offensichtlich egal, ob jemand von Natur aus eher konservativ oder links eingestellt ist (die „Denkzettelkampagne“ habt ihr ja selbst inszeniert!)

In Jena sind es nach diesen Daten offensichtlich vor allem von etablierten Parteien enttäuschte Menschen, egal ob links oder rechts. Ich kann das gut verstehen, da ich mit dem Status „Behindert“ und „Alg II-Bezug“ nun nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehe. Auch ich bin sehr oft schockiert, mit welcher Leichtigkeit das Geld manchmal von den in der Politik Tätigen verpulvert wird.

Warum halte ich aber die AfD für gefährlich?

Zuerst habe ich mich im Internet informiert. Bei der Landtagswahl in Thüringen 2014 wurde Björn Höcke als Spitzenkandidat seiner Partei AfD neben zehn anderen AfDlern in den Landtag gewählt. Höcke (* 1. April 1972 in Lünen) ist Lehrer und Politiker.  Er stammt aus Hessen und studierte Sportwissenschaften und Geschichte für das Lehramt für Gymnasien. Er ist derzeit als Lehrer tätig, zuletzt mit der Amtsbezeichnung Oberstudienrat in Bad Sooden-Allendorf.

Der AFD-Landesvorsitzende ist also wegen der Arbeit aus dem Westen in den Osten gezogen? Mir ist dieses Wessi/Ossi-Ding inzwischen sowas von Schnuppe, aber dieser Fakt ist wichtig, wenn später über das Thema „Arbeitsmigration“ gesprochen wird. Der Herr Höcke sagt nämlich solche Sätze wie: „Es kann nicht sein, dass man pauschal arbeitslose Ausländer wie arbeitslose Deutsche behandelt“. Da hat er Recht und es ist ja auch nicht wahr. Meine ausländischen Freunde, die erst nach Deutschland gelockt wurden und dann ihre Arbeit wieder verloren, können ein Lied davon singen.

Ok, ein Oberstudienrat hat im Gegensatz zu Hartz 4 Empfängern mehr Geld, viel mehr Geld! Was wir aber gemeinsam haben: wir existieren beide von Steuergeldern, der eine (Herr Höcke) besser, ich (Bertha Kessel) eher schlechter. Und natürlich wird auch in die Kassen der AfD und ihrer Abgeordneten nach dem Wahlkampf Geld fließen. Wie viel verdient ein Landtagsabgeordneter? Nein, Neiddebatten bringen uns nicht weiter. Ich werde aber ganz genau darauf achten, ob ihr überhaupt wisst, was „soziale Not“ bedeutet.

Und liebe Schüler, vertraut bitte nicht einem Geschichts- und Sportlehrer, der fordert, in Thüringen „preußische Tugenden“ wiederzubeleben. Hätte er in Jena studiert, dann wüsste er, dass das mit Thüringen und Preußen in der Geschichte nicht so einfach war. In Erfurt kann er das vielleicht noch sagen. Der Rest Thüringens, der sich mit der eigenen Geschichte vertraut gemacht hat, freut sich weniger über preußische Tugenden. Die historischen thüringischen Staaten wollten alles andere als preußisch sein.

Liebe AfD, bereits eure Präambel beginnt mit einem Bekenntnis für „ein Europa der Vaterländer.“ Wisst ihr, wer bei der letzten Wahl mit diesem Slogan losgezogen ist? Genau. Die NPD. Manchmal reden die anstatt von Ländern auch gern von Völkern. Aber der Volksgedanke beschäftigt euch ja auch sehr, wie wir später sehen werden. Das mit dem „Weltsozialamt“ ist auch bei beiden Parteien immer sehr beliebt gewesen. Dass eure Nachbarn in Sachsen ein handfestes Naziproblem haben, darüber wurde bereits viel berichtet.

Eurer „Selbstverständnis fußt auf der Verteidigung des Rechtes auf Meinungsfreiheit, wie es in Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland sowie in Artikel 11 der Verfassung des Freistaates Thüringen niedergelegt ist.“

Wisst ihr, worauf mein Selbstverständnis fußt? Auf Artikel 1 des Grundgesetzes. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Artikel steht höher als euer, ätsch. Nein, das war nur Spaß. Aber dort steht etwas von der „Würde des Menschen“ und nicht von „der Würde unseres Volkes“ oder „unserer Katzen“ oder was auch immer. Ich werde in den nächsten Tagen in einer ganzen Serie von Artikeln darstellen, welchen Bevölkerungsgruppen ihr das unverbrüchliche Recht auf „Würde“ nehmt, falls euer Programm realisiert werden sollte (Arbeitslose, Asylbewerber, Frauen, Kinder etc.).

„Die AfD ist sich der zurückgehenden Haushaltsmittel des Freistaates und damit der Bedeutung der Prioritätensetzung und des schlanken Staates bewußt.“ Und wer sorgt mit fleißig für die zurückgehenden Haushaltsmittel? Das sind vor allem die Anhänger einer „neuen sozialen Marktwirtschaft“, die 2008 einen „Jenaer Aufruf zur Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft“ initiierten, daneben fleissig Werbung für die AfD machten und lieber, anstatt Steuern zu zahlen, Stiftungen gründen.

„Wir werden mit aller Kraft an der Zukunftsfähigkeit unseres Landes und unseres Volkes arbeiten.“ Ok, dann lasst uns doch einmal „über unser Volk“ ehrlich reden.

Ist das für euch kulturell geprägt? Oder gibt’s dahinter eine Rassentheorie? Deutsches Blut? Was ist mit deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens? Gehören Menschen, die aus Russland kamen und eingebürgert wurden, auch zu „unserem Volk“? Ist es die christliche Religion, von der sich viele Deutsche verabschiedet haben? Oder was ist mit der zweiten und dritten Generation der Gastarbeiter und Einwanderer der 70er Jahre?

Wir müssen uns unbedingt all diesen Fragen stellen, da habt ihr recht. Da wurde vieles versäumt. Das sind wichtige Fragen! Es gibt aber keine einfachen Antworten. Zum Beispiel sind wir Deutschen ja sowieso ein buntes Sammelsurium unterschiedlicher Völker. Es reicht bei vielen oft schon, sich seines eigenen Nachnamens bewusst zu werden.

Wenn ihr mit mir reden wollt, dann gibt es natürlich keine „Denkverbote“ (die Gedanken sind frei). Aber ich habe Tabus. Holocaustleugnung ist strafbar, genauso wie Volksverhetzung. Und Nazis mag ich nicht. Aus guten Gründen.

In Sachsen hat sich euer Kollege bereits ganz offen geäußert. Ich meine, was vor 70 Jahren passiert ist, dafür brauchen wir uns nicht für schuldig bekennen. Also, was die damals gemacht haben“. (zu sehen bei Thomas Bärsch, Britta Hilpert, Hagen Mikulas und Tonja Pölitz: Phänomen AfD In: Frontal21 vom 3. September 2014, Min. 0:50 – 1:20).

Wie steht ihr als Partei zu solchen Aussagen? Was sagt der Geschichtslehrer Höcke seiner Klasse, wenn es um solche Statements geht? Ich hoffe, dass man euch im Landtag ganz offen all diese Fragen stellen wird. Andere Parteien sind bei solchen Fragen auch manchmal nachlässig, das wissen wir. Wir werden uns aber eure Antworten genau notieren.

„Das ideelle und materielle Erbe, das wir erhalten haben, wollen wir ungeschmälert an unsere Kinder weitergeben. Wir bekennen uns zu unserer Identität als Thüringer, Deutsche und Europäer, pflegen und verteidigen diese und erkennen in ihr die Grundlage unserer Weltoffenheit.“ Ich fange gleich an zu heulen. Was sind denn das für hohle Sätze? Na, da bin ich mal gespannt auf die Seite 6 eures Programms „Demografie und Zuwanderung“.

Bis zum nächsten Mal bei „Bertha und die AfD“.

Eure Bertha Kessel

Jena, nicht dass du mir noch „stiften“ gehst…

Jena, nicht dass du mir noch „stiften“ gehst…von Bertha Kessel

Ein Stifterlauf jagt gefühlt den nächsten. Außerdem ist einmal im Jahr Freiwilligentag. Jetzt ist zwar wieder angeblich der erste, aber letztes Jahr habe ich da mitgemacht. Da kann man z.B. der Oma/dem Kind nebenan eine Stunde lang vorlesen. Hinter der freiwilligen Arbeit stehen zahlreiche gemeinnützige Vereine. Die Bürgerstiftung hat mithilfe einer Werbeagentur jedoch die besseren Vermarktungskonzepte.

Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Zwischenraum, die laut Homepage hinter den ganzen Aktionen steht, ist Burkhard Lauer, gelernter Bankkaufmann, Diplom-Kaufmann, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.

Burkhard Lauer ist hauptberuflich Partner und Jenaer Niederlassungsleiter der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Diese Gesellschaft erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2013 (01.10.2012 bis 30.09.2013) in Deutschland einen Umsatz von 1,33 Milliarden Euro. Wenn diese Firma nur 1 % davon spenden würden… aber sie engagieren sich ja freiwillig.

Im Netz wird das neue Angebot der Bürgerstiftungen beworben. „Sie entscheiden darüber, was gefördert wird, die Bürgerstiftung kümmert sich um die Formalitäten.“ Na das klingt ja nach einem tollen Angebot, oder?

Auch die Bürgerstiftung Jena und Herr Lauer offerieren mir, sich um mein Geld zu kümmern. Sie bieten mir am besten eine „Treuhandstiftung“ an (Treuhand? m.E. mittlerweile in Ostdeutschland ein Wort, das schon korrupt klingt).

„Sie können eine eigene Stiftung gründen, die treuhänderisch von der Bürgerstiftung Zwischenraum verwaltet wird. Sie bestimmen den Stiftungszweck und legen den Namen und die Satzung Ihrer Stiftung fest und wir übernehmen die Verwaltung gegenüber Stiftungsaufsicht und Finanzamt. Zu diesem Zwecke arbeiten wir mit Steuerberatern und Juristen zusammen und lassen uns bei der Anlage der Gelder von Finanzexperten beraten.“

Bekomme ich die Beratung von Herrn Lauer persönlich? Ansonsten gehe ich zur Konkurrenz. Auch der Jenaer Firmenlauf hat eine eigene Charity-Abteilung. „Neben der finanziellen Zuwendung versteht sich der Firmenlauf als eine Werbe- und Marketingplattform für das jeweilige Projekt, um auf sich und seine Ziele aufmerksam zu machen.“ Das klingt doch nach Wirtschaftsförderung.

Was bietet mir da die Konkurrenz? „Sie können sich auf unserer Homepage, auf unseren Veröffentlichungen und auf unseren Veranstaltungen präsentieren oder die Patenschaft für einzelne Projekte übernehmen“, wirbt die Bürgerstiftung Jena.

Ich kann mich für keine dieser tollen neuen Geldanlagemodelle entscheiden. Also schaue ich, was unsere Vorfahren gemacht hätten. Oliver Lemuth fasste die verschiedenen Deutungsversuche über Ernst Abbe zusammen.  Nach meiner Lesart wollte Abbe seinen ganzen Besitz einfach der Universität schenken, da er davon überzeugt war, dass er dieser Universität alles verdankte. Und natürlich wollte er dem „Volk“ eine Bildungsstätte schenken.

Das ging aber nicht so einfach, wie Abbe es sich in seinem „paternalistischen Ideal“ eines Mannes, der sich um „seine Leute“ kümmerte, dachte. Herausgekommen sind diese verschiedenen großen Stiftungen in Jena.

So wie etwa die Ernst-Abbe-Stiftung. Der Ernst-Abbe-Stiftung gehört neben verschiedenen Firmen auch das Volkshaus. Ernst Abbe stellte der Stadt Jena die erste, nach nordamerikanischem Vorbild eingerichtete, freie Bildungsstätte in Deutschland zur Verfügung. Er konnte so ein Haus aber nicht ohne weiteres verschenken. Wie gut, dass es dann die Stiftung gab, über die Stadt und Universität in den Genuss der Förderung aus Abbes Vermögen kommen sollte.

2014 ist das mit den Stiftungen komplizierter, als es 1903 abzusehen war. Da fragt Herr Dr. Vogel (SPD) im Stadtrat den Bürgermeister Dr. Albrecht Schröter (SPD) nach der Zukunft des Volkhauses. Dieser befindet sich aber gerade in schwierigen Verhandlungen mit Prof. Dr. Thomas Deufel (SPD). Der ist zwar auch Stadtratsmitglied. Jetzt verhandelt er aber als Vorstandsvorsitzender der Ernst-Abbe-Stiftung. Die haben nichts zu verschenken, sondern wollen das Maximum an Mieteinnahmen. (Verschenkt werden von der Stiftung zwei Stipendien für die Untersuchung der Geschichte der Psychiatrie, die man lieber selber schreiben lässt, bevor kritische Menschen da genauer nachfragen.)

Und heutzutage ist das Geflecht der Wohltaten ausgefeilter als 1903.

Prof. Dr. Thomas Deufel, Institutsdirektor am Jenaer Universitätsklinikum, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Jenaer Stadtrat und Staatssekretär im von Christoph Matschie (SPD) geführten Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, dessen Abteilung die Bereiche Hochschulen, Forschung und wissenschaftliche Infrastruktur sowie Kultur und Kunst unterstehen, sorgt für einen reibungslosen „Cashflow“ an der Uniklinik Jena und vor allem am Beutenbergcampus . Zwischen 1991 und 2013 investierten der Freistaat Thüringen, Bund und EU mehr als eine halbe Milliarde Euro in den Ausbau der Infrastruktur allein am Beutenberg. Die Milliarden für den Klinikneubau standen auch bereit.

Am Beutenberg wird u.a. die BioCentiv GmbH („Join us at the Center“) Profit abwerfen. Das ist eine Firma, welche die hochmodernen Räume an junge Start Ups aus der Pharmabranche vermarktet. Die BioCentiv GmbH ist eine hundertprozentige Tochter der Ernst-Abbe-Stiftung. Und wer hat die Räume bezahlt? Naja öffentliche Fördermittel, bloß nicht so genau nachfragen.

Bürgerstiftung, Ernst-Abbe-Stiftung, alles ganz schön kompliziert für den Laien und hat nur noch wenig mit Wohltat zu tun. Zum Beispiel steckt in der Bürgerstiftung Geld der Jena Wohnen GmbH. Das finde ich nicht schön. Weil die meiner Bekannten die Miete erhöht haben. Meine Bekannte ist erwerbsunfähig und bekommt Grundsicherung. Die Grundsicherung, die die erhöhte Miete aufbringen muss, sind…

Mein Vorschlag, um diesem Stifterwahnsinn in Jena zu entgehen:

Liebe Bürgerstiftung Jena, die KPMG AG, die hinter Euch steht, spendet 1 % ihres Jahresgewinns der Stadt. Das wären 10 Millionen Euro. Die Stadt könnte für das Geld professionelle Sozialpädagogen anstellen, die dringend gebraucht werden (und die auch dringend Arbeit suchen.)

Liebe Ernst-Abbe-Stiftung: Thomas Deufel sorgt über Umwege dafür, dass von öffentlichen Geldern Firmen profitieren, die zu 100 % Euch gehören und die Gewinn machen werden. Jetzt erfüllt den Stiftungszweck im Sinne Ernst Abbes. 40 eigene Veranstaltungen? Dafür hat Abbe das Volkshaus nicht bauen lassen und das wisst ihr auch. Ab jetzt werdet Ihr alle mit dem Volkshaus verbundenen Kosten zum Wohle der Bürger dieser Stadt übernehmen. Wir schauen dann auch nicht mehr so kritisch auf alle anderen Aktionen.

Eure Bertha Kessel

Ich bringe noch kurz das Papier raus…

Ich habe heute einen Text von Wolfgang Herrndorf gefunden, mit dem auch ich meine derzeitige Situation beschreiben würde.

„Ein Jahr in der Hölle, aber auch ein tolles Jahr. Im Schnitt kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten größer. Insgesamt vielleicht sogar ein bisschen glücklicher als früher, weil ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind“ (28.3. 2011, 9:40).“

Ich bin gleich in den Buchladen gegangen und habe mir das Buch „Arbeit und Struktur“ gekauft. Ich kannte ein paar Texte schon vom Blogg, der uns auf so tragische Weise auch schon die letzten Jahre begleitete. Und ich habe Abends „kurz das Papier raus“ gebracht.

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Hans Berger und Co. Wie geisteskranke NS-Ärzte in dieser Stadt geehrt werden.

„Die zwangsweise und oft mit Hilfe der Polizei gewaltsam durchgeführte Sterilisation war unmenschlich und widersprach der ärztlichen Ethik.“(1)

Im Eingangszitat bekannte sich der ehemalige Direktor der psychiatrischen Klinik Jena Prof. Dr. Rudolf Lemke, ehemaliger Assistent Hans Bergers, zu einer Schuld, die Jenaer Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus auf sich geladen hatten.

Zu einer Anerkennung zwangssterilisierter Menschen als Opfer „nationalsozialistischer Verbrechen“ kam es nie, aufgearbeitet wurden diese Geschehnisse nie und nichts erinnert in dieser Stadt an die Menschen, denen das Recht auf Nachkommen verweigert wurde.
Aber vieles erinnert an die Täter. Das Uniklinikum Jena erhält eine Förderung in Millionenhöhe, ist aber unfähig, sich kritisch seiner Vergangenheit und damit auch Fragen der Zukunft zu stellen.

Die Politiker der großen Koalition versuchen im Landtagswahlkampf ihre Millionenzusagen an eine florierende Gesundheitsindustrie als Beitrag zum Bildungsstandort Jena zu verkaufen. Dabei denken sie offensichtlich nicht an das Heer arbeitsloser Geistes- und Sozialwissenschaftler, die diesem Treiben ungläubig zuschauen.

Während sich die eine große Volkspartei CDU für die Gewährung von 300 Millionen Euro für den neuen Medizincampus feiern lässt, wünscht sich der Direktkandidat der anderen großen Volkspartei SPD in seinem Wahlkreis an erster Stelle „die Entwicklung eines Medizin-Campus Lobeda“. Dies wäre die wichtigste Aufgabe und größte Investition. Jenas Uniklinikum braucht aber nicht nur Millionen Euro für die florierende Gesundheits- und Pharmabranche, sondern auch dringend Geisteswissenschaftler.

In Jena ist die Klinik für Psychiatrie, die Klinik für Neurologie und eine Straße in Lobeda nach Hans Berger benannt. Studenten der Medizin werden in einem Hans-Berger-Seminarraum ausgebildet.

Büste von Hans Berger vor der Psychiatrie Jena.

Mit diesem Namen sollte sich bereits Prof. Dr. Thomas Deufel, Institutsdirektor am Jenaer Universitätsklinikum, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Jenaer Stadtrat und Staatssekretär im von Christoph Matschie (SPD) geführten Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur beschäftigt haben. Deufels Abteilungen unterstehen die Bereiche Hochschulen, Forschung und wissenschaftliche Infrastruktur sowie Kultur und Kunst.

Auch der promovierte Mathematiker Jörg Vogel trägt als Vorsitzender des städtischen Kulturausschusses Verantwortung für die Straßennamen in unserer Stadt und sollte Auskunft geben können über die geehrten Personen.

Wahrscheinlich lag auf dem Schreibtisch der jetzigen Ministerpräsidentin und vormaligen Gesundheitsministerin Thüringens Christiane Lieberknecht öfter Post von der „Hans-Berger-Klinik für Neurologie“ oder der „Hans-Berger-Klinik für Psychiatrie“.

Auch der Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter weiß möglicherweise von den Verdiensten, aber auch Schattenseiten im Leben Hans Bergers, der nachweislich mehrfach gegen das ärztliche Gebot verstieß, den Kranken nicht zu schaden.

Hans-Berger-Straße in Jena.

Hans-Berger-Straße in Jena.

Das Land Thüringen stellt die Infrastruktur für eine florierende Gesundheits- und Pharmaindustrie zur Verfügung. Währenddessen bewerben sich ca. 170 arbeitslose HistorikerInnen um eine halbe EG 9 Stelle zur Unterstützung des Stadthistorikers. Wie viel ist den Verantwortlichen das Gedenken an das Leid wert?

Hans Berger. Ein psychisch kranker Mann mit Licht- und gravierenden Schattenseiten (2)

Hans Berger (* 21. Mai 1873 in Neuses; † 1. Juni 1941 in Jena) war Neurologe, Psychiater und Direktor der Psychiatrischen Klinik sowie Professor an der FSU. Er wird besonders für die Entwicklung des Elektroenzephalographie (EEG) geehrt. Für die Entdeckung der Hirnströme wurde er mehrfach für den Nobelpreis nominiert.(3)

Die große Entdeckung des EEG (und daran wird weniger gern erinnert) hat Hans Berger aller Wahrscheinlichkeit nach einer „Wahnvorstellung“ zu verdanken, die ihn bereits in jungen Jahren umtrieb.

„Zu den immer noch umstrittenen parapsychologischen Erscheinungen gehört die echte Gedankenübertragung, und doch muß sie meiner Meinung nach auch von der Wissenschaft als Tatsache anerkannt werden!“(4) stellte Berger in seiner kurz vor seinem Suizid erschienen Schrift „Psyche“ fest.

 

Titelbild zu Bergers Werk "Psyche" und seine handgezeichnete Fackel als Einbandvorlage, mit der er symbolisch die Forschungen zum EEG und zu Gedankenübertragungen an die nachfolgenden Generationen übergeben wollte.

Titelbild zu Bergers Werk „Psyche“ und seine handgezeichnete Fackel als Einbandvorlage, mit der er symbolisch die Forschungen zum EEG und zu Gedankenübertragungen an die nachfolgenden Generationen übergeben wollte.

Gesucht hatte er in seinen Versuchen, die an hunderten Menschen durchgeführt wurden, nach einem Beleg für „die echte Gedankenübertragung, (…) bei der der Weg von dem einen Menschen zum andern nicht über die Sinnesorgane geht.“
In parapsychologischen Aufsätzen (5) entwickelte Berger das Konzept der „psychischen Energie“, das zu den Basisvorstellungen gehört, die erst die Entdeckung des EEG ermöglichte. (6)

Über diese Grundüberzeugung habe er aber mit anderen nicht geredet, „um nicht für verdreht gehalten zu werden“, wie er in seinem letzten Buch notierte. (7)

Berger erreichte 1938 mit 65 Jahren die Altersgrenze und wurde in den Ruhestand versetzt. Er übernahm 1939 noch einmal vertretungsweise die Amtsgeschäfte seines Nachfolgers Berthold Kihn (1895-1964). 1941 nahm sich der ehemalige Klinikdirektor Hans Berger in der Klinik, der er vielen Jahre lang vorstand, das Leben.

Nach seinem Tod erhielt Berger eine besondere Würdigung, indem 1956 der Vorschlag seines Amtsnachfolgers Rudolf Lemke realisiert wurde und der Jenaer Nervenklinik der Name „Hans-Berger-Kliniken für Psychiatrie und Neurologie“ verliehen wurde. Der Name „Hans-Berger-Klinik“ wurde, nachdem die drei Abteilungen – Psychiatrie, Neurologie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie – in separaten Kliniken überführt wurden, 1994 für jede der drei Kliniken beibehalten. (8)

Die Mediziner reden sich raus, Geisteswissenschaftler gibt es kaum noch. Daher wird diese Ehrung nicht kritisiert und ein „Lernen aus der Geschichte“ ist nicht möglich.

Zum Zeitpunkt, an dem sowohl Neurologen als auch Psychiater 1994 den Namen für ihre Kliniken beanspruchten, sollte allen Beteiligten die Arbeit Susanne Zimmermanns bekannt gewesen sein, die 1993 an der medizinischen Fakultät als Habilitationsschrift eingereicht wurde. (9)

Darin wird u.a. die Tätigkeit Hans Bergers und Rudolf Lemkes als Beisitzer im Erbgesundheitsobergericht Jena beschrieben. Die Mitarbeit Bergers wurde jedoch nicht nur durch seine Stellung bestimmt, wie es verharmlosend in einer Publikation mit einem Vorwort der Klinikdirektoren der nach ihm benannten Einrichtungen heißt.(10) Immer wieder wird als Erklärung der Handlungen dieser Zeit benutzt, dass „man“ eben so handeln hätte müssen. Mir geht es hier auch nicht um eine „Historie der Staatsanwälte und Richter“, die Thomas Nipperdey zu Recht ablehnte. Mir geht es um Fragen des Respekts gegenüber Patienten, denen in dieser Klinik leid angetan wurde.

Hans-Berger-Klinik für Psychiatrie Jena.

Hans-Berger-Klinik für Psychiatrie Jena.

Wir müssen uns eingestehen, dass Hans Berger diese Aufgabe als Beisitzer mit voller Überzeugung ausführte. Er war, wie so viele andere, dem Sozialdarwinismus auf den Leim gegangen. Als ihn der „NS-Rektor“ Karl Astel bat, nach seiner Emeritierung erneut am EGOG Jena tätig zu werden, teilte Berger mit: „Ich bin sehr gerne bereit, wieder als Beisitzer beim Erbgesundheitsgericht in Jena mitzuwirken und danke Ihnen dafür“.(11)

Die Urteile des Erbgesundheitsobergerichts sind mit etwas Aufwand und Recherche bis heute in der Außenstelle der Stasiunterlagenbehörde in Gera einsehbar. (13)

Am 13. April 1938 etwa saßen ein Richter sowie Karl Astels Assistent Stengel von Rutkowsky (SS- Hauptsturmführer und ab 1940 Dozent für Rassenhygiene, Kulturbiologie und rassenhygienische Philosophie) und der Direktor der psychiatrischen Anstalt Jena Hans Berger in einer nichtöffentlichen Sitzung zusammen. Sie richteten u.a. über die nicht anwesende Frieda B., deren Mann die zwangsweiße Unfruchtbarmachung seiner Frau verhindern wollte. Nochmals wurde ihr „angeborener Schwachsinn“ attestiert. „Daß Frau B. mechanische Arbeit ordentlich ausführt, ändert an der Beurteilung nichts.“(14)

Wenn die Amtsärzte und die Ärzte der Universitätsklinik ein Urteil gefällt hatten, nützte keinem der Betroffenen mehr der Gang vor das Erbgesundheitsobergericht, um Einspruch zu erheben.

Im Zeitraum von 1934 bis 1937 wurden mindestens 1593 Frauen und Männer an den Universitätskliniken Jena zwangssterilisiert (die Gesamtzahl der zwischen 1934 und 1945 in den Universitätskliniken Jena zwangssterilisierten Frauen und Männer ist nicht mehr zu ermitteln). Die Zahlen in Thüringen sind dabei weitaus höher.(15)

Sicherlich waren in der NS-Zeit Erbgesundheitsgerichte überall verbreitet und durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14.07.1933 juristisch legitimiert. Dennoch bleiben eine Menge Fragen, vor allem zur Beschäftigung mit diesem Erbe, offen.

Die Universität Jena wurde in der NS-Zeit zu einem Zentrum für Rassenkunde, Rassenhygiene und Rassenbiologie umgestaltet. Bereits ab 1930 hatte die FSU einen Lehrstuhl für Rassenkunde. Karl Astel konnte bereits ab 1934 ein „Institut für menschliche Erbforschung und Rassenpolitik“, gefördert durch die Carl-Zeiss-Stiftung, aufbauen. (16)

Einen besonderen Beitrag zur Umgestaltung der FSU lieferte auch die medizinische Fakultät, die mit Neurologen und Psychiatern die Urteile über ihre Patienten fällte. In der Klinik für Chirurgie bzw. der Frauenklinik vollstreckte man diese dann.
Dabei ging es keineswegs nur um die Ausrottung schlimmer Krankheiten, wie manche Ärzte bis heute behaupten, sondern das Jenaer Erbgesundheitsgericht ging weit über die Linie anderer solcher Gerichte hinaus, in dem es bspw. auch die „Hilfsschulbedürftigkeit“ ausdrücklich als Erbkrankheit klassifizierte. (16)

Es wurde ein Klima der Angst erzeugt, das u.a. die ehemalige „Ibrahim-Schwester“ Else Lehmann beschreibt, deren Eltern ihre an Epilepsie erkrankte Schwester verstecken mussten.

„Bin vielleicht auch ich „krank“, gehöre auch ich zu jenen, die des Lebens nicht mehr wert sind? Fragen, die mich durchs ganze Leben begleiten werden. Wer könnte sie je wieder löschen?“

Weiter führte sie über ihren Alltag aus: „Erschrecken: Sogenannte Erbkrankheiten sind anzeigepflichtig. Nun also bin ich von berufswegen zur Anzeige verpflichtet – auch im Blick auf meine Schwester. Ein Schock!“ (17)

Die Aufarbeitung der Geschehnisse bisher

Vielen Jenaern ist noch die Auseinandersetzung um die Benennung der Kinderklinik nach Jusuf Ibrahim in den Jahren 1999/2000 im Gedächtnis. Nach langen Konflikten wurde diese Idee verworfen. Auch eine Straße wurde in Forstweg umbenannt.
In einer Erklärung des Fakultätsrates der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität vom 18. April 2000 ist zu lesen: „Sie [die Universität und insbesondere die medizinische Fakultät, B.K.] wird die Erinnerung an diese Ereignisse wachhalten, darüber Studenten und Mitarbeiter informieren und die Tragweite der Verbrechen stets deutlich machen, damit ein solches Geschehen sich nicht wiederholen kann.“(17)

Insbesondere die medizinische Fakultät verweigert sich jedoch diesem Anliegen.

Der 1946 amtierende Dekan der Jenaer Medizinischen Fakultät Skramlik lehnte den Vorschlag des Thüringer Landesamts für Volksbildung ab, erhaltene Akten über die Sterilisation durch Studenten der Jenaer Medizinischen Fakultät bearbeiten zu lassen. „Möglicherweise wollte er verhindern, daß noch in Jena tätige medizinische Hochschullehrer durch diese Akteneinsicht kompromittiert würden“, mutmaßt die Medizinhistorikerin Zimmermann. „Geschützt wurde beispielsweise auch der Psychiater Rudolf Lemke, der 1939 Beisitzer im Jenaer EGOG war“. Verhandelt wurde u.a. am 16.06.1939 der Einspruch eines 39-jährigen Mannes, der wegen „Fallsucht“ (Epilepsie) sterilisiert werden sollte. In der Ablehnung des Einspruchs wurde formuliert: „B. muß um der rassischen Zukunft des Gesamtvolkes willen das Opfer bringen, daß das Gesetz wie von vielen anderen Erbkranken auch von ihm verlangt“. (18)

Rudolf Lemkes Sohn Sebastian, Oberarzt in der Jenaer Klinik für Psychiatrie, schrieb 1999 auf dem bis dato nicht aktualisierten offiziellen Internetaufritt (Update: nach erscheinen dieses Artikels wurde der Beitrag nach 12 Jahren kommentarlos von der Seite entfernt) über die Geschichte der Klinik von „psychiatrischem Krankengut“, dessen Zahl gegenüber „neurologischem Krankengut“ abnimmt.

Hier taucht mit „Krankengut“ eines der Worte auf, die am Anfang schlimmster Entwicklungen in der Vergangenheit standen.

PD Dr. Sebastian Lemke erwähnte in diesem historischen Abriss weder den Aspekt der Zwangssterilisationen noch der T4 Aktionen, der planmäßigen Ermordung von Menschen, denen das Lebensrecht abgesprochen wurde.

Darüber hinaus soll er nach Stern-Recherchen im Auftrag von Eggert Beleites, Präsident der Thüringer Ärztekammer und Vorsitzender des Ausschusses für ethische und medizinische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer, ein entlastendes Gutachten für Rosemarie Albrecht geschrieben haben, die in Stadtroda als Assistenzärztin mit der Leitung der Frauenabteilung betraut war.
159 Menschen waren in der NS-Zeit in relativ kurzer Zeit auf ihrer Station gestorben, darunter elf Kinder. Gegen Albrecht ermittelte die Staatsanwaltschaft Gera und erhob 2004 Anklage wegen Mordes. Nicht zuletzt aufgrund des Gutachtens des Jenaer Psychiaters Sebastian Lemke scheiterte diese.

Auch ein durch die Abbe-Stiftung gefördertes Projekt zur Geschichte der Psychiatrie in Jena im 20. Jahrhundert, in dem der Klinikdirektor der Psychiatrie Prof. Dr. Heinrich Sauer im Beirat sitzt, kann keine kritischen Ergebnisse erwarten lassen.

(Update 30.11.2017: ausgelöst durch das Promotionsvorhaben von Kristin Tolk von der FSU Jena wurde Ende 2017 tatsächlich eine Diskussion über die Rolle der Psychiatrie und Hans Bergers im Dritten Reich angestoßen!)

Meine Vorschläge an die Landesregierung, die Verwaltung der Stadt Jena und den Vorstand der betroffenen Kliniken lauten:

1. Neben die Büste Hans Bergers vor der psychiatrischen Klinik wird ein Gedenkstein errichtet als ständige Mahnung an alle Besucher und Mitarbeiter. Darauf zu lesen ist der erste Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

2. Das Bund und Land neben der Förderung medizinischer Infrastruktur in Millionenhöhe auch Finanzmittel bereitstellen für die Aufarbeitung der Geschichte, dass sie Wissenschaftlern ermöglichen, finanziell abgesichert kritische Fragen an die Medizin zu stellen, halte ich für selbstverständlich.

3. Auch die Stadt Jena trägt Verantwortung. Daher sollte ein Teil des Etats, der für das Themenjahr 2015 „Romantik – Licht – Unendlichkeit“ vorgesehen ist und nur zur Profilierung eines Images dienen soll (aus PR-Gründen wird eine Geschichte inszeniert, die es so nie gegeben hat) umgewidmet werden. Es wird damit die Einrichtung eines neuen Forschungsverbundes finanziert.

Unter Federführung des Stadthistorikers werden fünf feste Mitarbeiterstellen für Geistes- und Sozialwissenschaftler am nach dem großen Sozialdarwinisten benannten Ernst-Haeckel-Haus installiert.

Aufgabe dieses Think-Tanks aus Geistes- und Sozialwissenschaftlern ist es, sich kritisch mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Forschungen in Jena auseinander zu setzen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Quellen wie die Tagebücher Hans Bergers, in denen dieser als „Kind seiner Zeit“ auch antisemitische Gedanken festhielt, werden wieder der Forschung zugänglich gemacht. Nach fünf Jahren wird das Projekt evaluiert und ggf. verlängert.
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1. Universitätsarchiv Jena, Best. D, Nr. 248, PA Lemke.
2. Dieses Unterfangen kann in diesem Artikel nur in aller Kürze erfolgen. Die größte Gruppe der arbeitslos gemeldeten Hochschulabsolventen mit Arbeitslosengeld II-Bezug bilden nach wie vor die Geisteswissenschaftler mit einem Magisterabschluss. Vgl. Jahresbericht 2011 jenarbeit S. 14 http://www.jena.de/fm/41/Jahresbericht_2011.pdf
3. Vgl. Joachim Bauer/Harald Kluge (Hg.), Das wissenschaftliche Gesamtwerk des Jenaer Nervenarztes Hans Berger, Stuttgart 2011, S. 9ff.
4. Hans Berger, Psyche, Jena 1940, S. 5.
5. Vgl. Hans Bender, Hans Berger und die energetische Theorie der Telepathie, in: Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, Bd. 6, 1962/63, S. 86.
6. Vgl. Bauer, Das wissenschaftliche Gesamtwerk, S. 21.
7. Berger, Psyche, S. 7.
8. Bauer, Das wissenschaftliche Gesamtwerk, S. 14f.
9. Vgl. Susanne Zimmermann, Die medizinische Fakultät der Universität Jena während der Zeit des Nationalsozialismus, Habilitationsschrift, Tag der öffentlichen Verteidigung 21.12.1993, Druckfassung (= Ernst-Haeckel-Haus-Studien, Bd. 2), Köln/Weimar/Wien 2003.
10. Bauer, Das wissenschaftliche Gesamtwerk, S. 11.
11. zit. in: Susanne Zimmermann/ Thomas Zimmermann, Die Medizinische Fakultät der Universität Jena im „Dritten Reich“ – Ein Überblick in: Kämpferische Wissenschaft. Studien zur Universität im Nationalsozialismus, Köln 2005, S. 401- 436, hier: S. 414. Der Jenaer Psychiater Lemke war am 31.07.1935, am 11.07.1936 und am 02.02.1938 Beisitzer im Erbgesundheitsgericht.
12. Vgl. Bauer, Das wissenschaftliche Gesamtwerk, S. 11.
13. Vgl. BStu MfS HA IX/11 RHE West, 679/1.
14. BStu MfS HA IX/11 RHE West, 679/1.
15. Vgl. Ernst Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945, Frankfurt a.M. 2001, S. 232.
16. Vgl. Bettina Zimmermann/Thomas Zimmermann, Die medizinische Fakultät der Universität Jena im „Dritten Reich“. Ein Überblick, in: Hoßfeld u.a. (Hg.), „Im Dienst an Volk und Vaterland“. Die Jenaer Universität in der NS-Zeit, Köln 2005, S. 149f.
17. Vgl. Klee, Deutsche Medizin, S. 230.
18. Vgl. Katja Regensburger, Ein Opfer im Dienst der Volksgesundheit. Zwangssterilisationen nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses an der Universitäts-Frauenklinik Jena 1934-1945, in: Olaf Breidbach u.a. (Hg.) Anthropologie nach Haeckel, Stuttgart 2006.
19. zit. nach: Ernst Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, Frankfurt a.M. 2001, S. 244.
20. Bericht der Kommission der Friedrich-Schiller-Universität Jena zur Untersuchung der Beteiligung Prof. Dr. Jussuf Ibrahims an der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ während der NS-Zeit. Jena 2000, darin Enthalten die Erklärung des Fakultätsrates der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität vom 18. April 2000.
21. Zimmermann, Die medizinische Fakultät, S. 416.